Wie gelingt es einem Menschen nach einem schweren Schicksalsschlag wieder ins Leben zurückzufinden? Und wie lässt sich das alte Leben, das einem nun auf Immer versperrt ist, in das neue integrieren? Genau dieser Problematik geht Johannes Groschupf in seinem autobiographischen Roman "Zu weit draußen" auf den Grund. Groschupf lässt sein Alter Ego Jan Grahn (J.G.) die Geschichte seines Lebens erzählen und dringt dabei ungewöhnlich tief in das Seelenleben eines Menschen ein, der überlebt hat, was kein normaler Mensch überlebt hätte.
J.G. ist als Reisejournalist in die Wüste der Sahara im Süden Algeriens gereist. Nachdem er zusammen mit seiner Reisegruppe uralter Höhlenmalereien besichtigt hat, soll es mit dem Hubschrauber zurück zum Ausgangspunkt der Oase Djanet gehen. Der Hubschrauber ist schwer beladen und hat Mühe überhaupt abzuhaben. Doch dann geschieht das Unglück. Der Pilot verliert die Kontrolle und der Hubschrauber zerschellt auf dem Boden – das Wrack geht in Flammen auf. J.G. gelingt es, den Flammen zu entfliehen und er wälzt sich im Sand. Als schließlich eine Rettungsmannschaft zur Unglücksstelle vorgedrungen ist, registriert J.G. die befremdlichen und erschreckten Blicke nicht, die ihm entgegengebracht werden. Auf schnellstem Weg wird er in das nächste Krankenhaus gebracht und von dort, sobald er transportfähig ist, in eine Spezialklinik nach Deutschland verlegt. Er ist der einzige Überlebende des Absturzes, doch seine Haut ist zu 80 Prozent verbrannt.
Im Krankenhaus beginnt der schmerzliche Prozess sich mit dem Geschehenen auseinanderzusetzen. Die Schmerzen sind unbeschreiblich und die einzige Funktion, die sein Körper noch erfüllt, ist das Atmen. Bewegen kann und darf er sich nicht. Fortan ist sein Leben bestimmt von Billardkugeln, die er über die Zimmerdecke rollen lässt. Seine einzige Freundin, die ihm in dieser Zeit treu zur Seite steht und ihm über die Schmerzen hinweghilft ist Dipi, das Schmerzmittel Dipidolor.
Doch auch als er so weit genesen ist, dass er endlich, nach vielen Monaten, wieder nach Hause darf, wird das Leben nicht wesentlich angenehmer für ihn. Nachdem seine Freundin mittlerweile einen neuen Mann in ihrem Leben hat, wird ihm die Trennung, die sich schon vor seiner Reise nach Algerien immer stärker andeutete, nun schmerzlich bewusst. Und der Kontakt zu seinen Kindern erschwert sich durch die neuen Umstände deutlich. J.G. muss sich ein neues Leben aufbauen, eine Wohnung und einen Job finden. Einer neue Liebe, die sich anbahnt, gibt er keine Chance, und er vereinsamt nahezu in seiner neuen Wohnung. Einzig seine Kinder stellen eine stetige Verbindung zur Außenwelt dar, sie bringen ihn durch ihre bedingungslose Liebe und Zuwendung dazu, sich mit seinem neuen Körper, der von Narben überseht ist, auseinanderzusetzen und traut sich schließlich, mit seinen Kindern ins Schwimmbad zu gehen. Doch etwas in ihm, will nicht zur Ruhe kommen. Er spürt, dass er noch einmal an den Ort des Geschehens zurückkehren muss. Irgendetwas hat er dort zurückgelassen, vielleicht sich selbst.
Johannes Groschupfs Roman geht dem Leser unheimlich nah. Von der ersten bis zur letzten Seite an spürt der Leser die bedrückende Stimmung, die über dem Icherzähler liegt und ihn während der gesamten Erzählung nicht loslassen kann. Mit einer kühlen Distanz ohne großartiges Selbstmitleid oder Wundenlecken berichtet Jan Grahn mit präzisen aber doch nüchternen Worten vom Weiterleben, obwohl ein wirklicher Überlebenswille nicht zu erkennen ist, denn „Ich sollte, was ich nicht wollte, ins Leben zurück“. Mit einer unglaublichen Intensität schildert Groschupf seine selbst erlebte Lebens- und Todeserfahrung, denn ihm selbst ist genau das geschehen, was seinem Protagonisten Jan Grahn im Roman widerfuhr: Er überlebte als einziger einen Hubschrauberabsturz mit 80%igen Verbrennungen.
Fazit: Der Roman verströmt einen unheimlich realen und ehrlichen Eindruck und vermag es den Leser zu berühren und mitfühlen zu lassen.
Johannes Groschupf Zu weit draußen Eichborn Verlag, September 2005
175 Seiten, EUR 17,90
ISBN 3821857544