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Der lange Weg PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Wolfgang Haan, am 06-03-2006 22:35
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Der lange WegKrieg der Welten : Der lange Weg 

Niska lebt in den kanadischen Wäldern. Sie ist nicht die Letzte ihres Stammes. Doch sie ist vermutlich die Letzte der kanadischen Indianer, die noch nach der traditionellen Lebensweise lebt. Und mit Sicherheit die letzte „Hookimaw“, eine Mischung aus Heiliger Frau, Schamanin und Heilerin. Doch nun muss sie in eine der verhassten Städte, denn Elijah, der beste Freund ihres Neffen Xavier Bird, kommt aus dem Krieg zurück. Sie erhofft sich von ihm Auskunft darüber, was ihrem Neffen zugestoßen ist. Denn dieser ist auf dem Schlachtfeld gefallen. Irgendwo an der Somme. In einem Land, dessen Namen sie nicht aussprechen kann geschweige denn weis, wo es überhaupt liegt.

Doch die Nachricht erweist sich als falsch. Es ist Xavier, der zurückkommt, alleine, ohne Elijah und morphiumabhängig. Drei Tage dauert die Kanufahrt zurück in die heimatliche Wildnis. Drei Tage, an deren Ende der Morphiumvorrat aufgebraucht sein wird. In denen an Xaviers innerem Auge seine Zeit als Scharfschütze vorüber zieht und in denen wir an der unterschiedlichen Entwicklung von ihm und Elijah teilhaben. Eine sehr kurze Zeit für Niska, die den Neffen in das ursprüngliche Leben zurückholen will, eines Lebens jenseits von sinnlosem Töten, im Einklang mit sich und der Natur.

Doch Boyden beleuchtet nicht nur die Lebensläufe der drei Protagonisten, wobei Elijah nie selbst zu Wort kommt, sondern nur Xavier und Niska über ihn berichten. Er erzählt von Welten, die im Sterben liegen oder bereits fast völlig ausgelöscht wurden. Doch wird man im gesamten Roman keine Schuldzuweisung finden. Seine Intension ist weder die Trauer über den Verlust noch die Anklage. Es klingt eher so, als wünsche sich der Autor nur die Kenntnisnahme, dass es vor dem, was man gemeinhin als „Alltag“ bezeichnet, auch andere Arten der Lebensführung gab. Respekt, nicht nostalgische Verklärung wünscht sich Boyden. Und dies bezieht sich überraschenderweise nicht nur auf die Lebensweise der kanadischen Indianer, sondern auch auf die bürgerliche Gesellschaft vor 1914 und den Heimkehrern nach Kriegsende. Unvorstellbare Dinge hat ein Großteil dieser Männer erlebt und auch getan. Niemand kann „danach“ einfach so weiterleben, als hätte es diese Gräuel nicht gegeben.

Lakonisch aber keinesfalls spartanisch

Joseph Boydens Roman „Der lange Weg“ ist eine beeindruckende Reise in die Vergangenheit. Dabei erzählt er vom Leben in der Wildnis nicht mit romantisch verklärtem Blick oder versucht, aus Niska eine „edle Wilde“ zu machen. Ganz im Gegenteil. So gehört es zu den Aufgaben eines Hookimaw, Clanmitglieder, die sich schwerer Verbrechen gegen den Stamm schuldig gemacht haben, mit den eigenen Händen zu töten. Auch Xavier musste töten, um im Krieg zu überleben. Doch was war seine Motivation? Hat er sich durch den jahrelangen Kriegseinsatz zu einem Clanfeind, einem Windigo, entwickelt? Schonungslos erzählt Boyden vom Grabenkrieg, von Giftgas, Stosstrupps, den Entbehrungen, der Verzweiflung und Angst. Doch er klagt nicht. Geduldig führt er den Leser durch Xaviers Martyrium. Beschönigt nichts, schmückt aber auch nicht unnötig ist. Gerade die lakonischen, präzisen Beschreibungen der Geschehnisse an der Somme sind es, die den Leser mehr berühren, als es ausufernde und mit unnötiger Detailvielfalt überlastete Bilder jemals vermögen. Boydens Sprache lässt viel Freiraum für die Vorstellungskraft des Lesers, lässt aber keinen Spielraum bei der beabsichtigten Wirkung, die er trotz seines ruhigen, ja teils fast lakonischen Schreibstil spielend erreicht.

Neben dem intuitiven Gefühl für den Spracheinsatz erzielt er die gewünschte glaubwürdige Atmosphäre auch durch korrekt recherchierte Orts- und Stellungsangaben sowie präzise Angaben zu Bewaffnung und militärischen Details.

Fazit: Gekonnt verknüpft Joseph Boyden die Schicksale zweier junger Indianer im ersten Weltkrieg mit dem Niedergang der indianischen Kultur in Kanada und dem Wertewechsel in der westlichen Welt. Dabei erzielt er gerade durch seinen ruhigen, teils fast lakonischen Erzählstil eine unglaubliche Wirkung und schafft vor dem geistigen Auge des Lesers Bilder, die dieser nicht so schnell vergessen wird.

Joseph Boyden
Der lange Weg
(Originaltitel: Three Day Road)
Aus dem Amerikanischen von Bettina Münch, Kathrin Razum
Knaus Verlag, Februar 2006
gebunden, 448 Seiten, EUR 19,95
ISBN:3-8135-0270-8

Hier bestellen:



Letztes Update: 08-03-2006 14:14

Veröffentlicht in : Buch, Belletristik
Schlüsselworte : Indianer, Krieg, Verlust, Tod, Genozid, Grabenkrieg, Somme, Scharfschütze, edler Wilder, Schamane, Heilerin, Morphium, boyden
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