San Juan scheint dem abgehalfterten amerikanischen Journalisten Paul Kemp ein letzter Ausweg aus Schulden und allgemeiner Sinnlosigkeit. Doch unter der heißen Sonne von Puerto Rico entdeckt er, dass Alkohol, Frauen und Freunde überall gleich sind.
In den fünfziger Jahren entsteht im tiefen verlotterten Herzen von San Juan eine Kneipe, das Al's, in dem sich neben den einheimischen besonders die Mitarbeiter der kleinen amerikanischen Zeitung, der Daily News, tummeln. Bei diesem Schmierenblatt findet auch Paul Kemp einen Job, doch er stellt bald fest, dass seine neuen Kollegen gleich ihm eine bunte Ansammlung von Trinkern, Glücksrittern und gescheiterten Existenzen sind.
In seinem "Rum Diary" dokumentiert Kemp sein Zusammenleben mit den verschiedenen Charakteren, angefangen bei seinem cholerischen Chefredakteur Lotterman, der die meiste Zeit damit verbringt, Geld für seine Zeitung zusammenzubetteln, bis hin zu Yeoman, zu dem sich eine seltsame, von Rum durchtränkte Freundschaft aufbaut.
Aber was wäre eine echte Männerfreundschaft, wenn nicht irgendwann eine Frau dazwischen kommen würde? Ausgerechnet die sexy Chenault, Yeomans Freundin, wirft sich Kemp in die Arme. Durchtanzte Nächte, Sex und Drogen sind die Folge dieser Entwicklung. Doch auch die Liebe hat keinen Bestand.
Liebe und Männerfreundschaft, Abenteuerlust und Desillusion gehören sicher zu den ältesten Themen der Literatur, doch obwohl Hunter S. Thompsons Geschichte auf diesen Eckpfeilern aufgebaut ist, gewinnt der Leser trotzdem nicht den Eindruck, dass es dem Autor um die Entwicklung der Charaktere und ihrer Schicksale geht.
Hauptperson in diesem wilden und zugleich melancholischen Roman ist San Juan, die Stadt, die den zugereisten Amerikanern Hölle und Paradies gleichzeitig ist. Vor dieser Kulisse entwirft der Autor von Angst und Schrecken in Las Vegas das Portrait einer Gesellschaft und eines Lebensgefühls, das bereits im Niedergang begriffen ist. Alkohol ist ebenso hemmungsloses Genussmittel wie einzige öglichkeit der Hitze und der eigenen Lasterhaftigkeit zu entgehen.
Wenn Kemp sich am Ende aus San Juan verabschiedet, beschreitet er den gleichen Weg, wird er schließlich zum Symbol für diesen Untergang. Zurück bleibt allein Yeoman, der ewige Verlierer, der aus Kemps Gesichtsfeld in die Nacht verschwindet. Im Gedächtnis haften vor allem die farbenfrohen, leicht verzerrten Schilderungen, die den Leser direkt in die frühen sechziger Jahre und an einen Ort katapultiert, der so wahrscheinlich nie existiert hat.
Fazit: Das lange verschollen geglaubte Rum Diary ist auch nüchtern ein hochprozentiger Genuss
Hunter S. Thompson The Rum Diary Heyne
ISBN 3-453-53040-3