"Im Detektivroman muß es ganz einfach eine Leiche geben, und je toter sie ist, desto besser. Ein kleineres Verbrechen als Mord reicht einfach nicht aus. Dreihundert Seiten sind zuviel des Aufhebens für etwas Geringeres. Schließlich müssen des Lesers Mühe und Energieaufwand belohnt werden". So lautet die siebte von insgesamt zwanzig Regeln, die der amerikanische Literatur- und Kunstkritiker S. S. Van Dine alias Willard Huntington Wright 1928 für das Verfassen von Detektivgeschichten (Twenty Rules for Writing Detective Stories) aufgestellt hat.
Diese Regel hat auch der renommierte Publizist Jörg von Uthmann beherzigt. Allerdings ist er deswegen nicht gleich unter die Krimiautoren gegangen. Er belohnt die Leser seines neuesten Buches "Killer, Krimis, Kommissare" auf knapp dreihundert Seiten mit kulturhistorisch interessanten Fundstücken rund um das Thema "Mord".
Massenmörder und Justizirrtümer
Uthmann greift in seinem kurzweiligen und kenntnisreichen Brevier fast alle Aspekte auf, die sich mit dem grausamsten, aber wohl auch faszinierendsten Phänomen menschlichen Zusammenlebens verbinden lassen. Über tödliche Verhörmethoden berichtet er ebenso detailliert wie über den besonders bei weiblichen Tätern so beliebten Giftmord. Kurz und bündig sind auch sein Abrisse über die Geschichte des Detektivromans oder den Siegeszug der Kriminalistik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Vielfach bereits bekannte und äußerst spektakuläre Kriminalfälle (Jack the Ripper, Dr. Crippen oder O. J. Simpson) dienen Uthmann als erzählerische Grundlage für weiterführende Betrachtungen zum historischen und gegenwärtigen Stand kriminalistischer Ermittlungsmethoden, aber auch zur Aufdeckung "sträflicher" Justizirrtümer. Der vielseitig gebildete Sachbuchautor verfolgt aber mindestens ebenso intensiv und akribisch die Spuren, die das schrecklichste aller Kapitalverbrechen in der Literatur, auf dem Theater oder im Film hinterlassen hat. In fast allen Abschnitten seines Buches fahndet er im Fiktiven nach dem Wirklichen und im Wirklichen nach dem Fiktiven. Sein Fazit: Der Mord lauert überall und wird das Leben und Denken der Menschheit ewig beherrschen.
Aufregende Unterhaltung
Der ehemalige Diplomat und Mitarbeiter der F.A.Z. führt seine Leser mit sicherer Hand durch die dunkelsten Mordlandschaften. Er macht an dieser und jener Weggabelung Halt, verweilt kurz, berichtet über Sehens- und Denkwürdigkeiten und zieht zum nächsten Aussichtspunkt weiter. Was nach der Lektüre in Erinnerung bleibt, sind zahlreiche Histörchen von und über ein im wahrsten Sinne des Wortes existenzielles Thema. Eine organische, geschweige denn analytische "Kulturgeschichte des Mordes" darf man also nicht erwarten. Dafür aber eine geistig anregende und emotional aufregende Unterhaltung.
FAZIT: Mord und Totschlag - Kultiviert präsentiert
Jörg von Uthmann Killer, Krims, Kommissare Kleine Kulturgeschichte des Mordes
Verlag C.H. Beck, München 2006
293 Seiten mit 31 Abbildungen, EUR 12,90
ISBN 3-406-54115-1