Ein besonderes Merkmal populärer Kriminalautoren ist, dass sie in ihren Romane eine homogene und konsistente Erzähllandschaft entwerfen, in deren Mittelpunkt sie dann den ermittelnden Kommissar oder Detektiv setzen. Die Folge ist, dass ein Leser einen Roman von Conan Doyle oder auch Donna Leon mit einer bestimmten Erwartungshaltung zu Lesen beginnen wird.
Die Figur des Sherlock Holmes scheint nur im nebligen, viktorianischen London existieren zu können. Und der Commissario Brunetti bedarf es der Kulisse der Lagunenstadt Venedig um seinen Charme bei der Mörderjagd entfalten zu können.
Nicht anders verhält es sich bei dem schwedischen Autor Henning Mankell, der neben der erwähnten Donna Leon zu den kommerziell erfolgreichsten Kriminalschriftstellern der Gegenwart zählt. Sein Erfolg stützt sich auf seine Figur des Kommissar Wallander. Eine Art Anti-Held, mit Anleihen an die amerikanischen "private-eyes" aus den Romanen von Raymond Chandler oder Dashiel Hammett gestaltet. Sein Los Angeles ist das schwedische Provinzstädtchen Ystad, in dem aber ebenso brutal gemordet wird wie in der Südkalifornischen Metropole. Wallander ist ein Produkt dieser nur vordergründig bürgerlichen Welt, deren Abgründe in langsam in den Alkoholismus stürzen lassen.
In seinem neuen Roman "Vor dem Frost" lässt Mankell seinen Kommissar die "bösen Straßen der Stadt" von den einst Raymond Chandler sprach, nicht mehr alleine entlang gehen, sondern stellt ihm eine Polizeianwärterin in Form seiner Tochter Linda an die Seite.
Warum Mankell sich entschlossen hat seine gewohntes fiktionale Universum zu erweitern, mag darin liegen, dass er den Entwurf einer neuen Hauptfigur als Herausforderung an sein schriftstellerisches Vermögen betrachtet hat. Ob er dieser Herausforderung gewachsen ist, werden erst die folgenden Bände zeigen.
Zu dem vorliegenden Buch lässt sich aber sagen, dass die Lust an der Lektüre weniger durch die beschriebene Erweiterung des fiktionalen Personal gehemmt wird, sondern durch den wenig ausgeprägten Spannungsbogen. Mankell gelingt es nur bedingt, eine von ihrem Ansatz her durchaus interessante Geschichte in einen spannenden Plot zu verwandeln.
Wie in vorangegangenen Romane bedient sich Mankell einem gesellschaftlichen relevanten Thema als Grundlage der Handlung: religiöser Fanatismus. In dem für Mankell charakteristischen Prolog zu Romanbeginn, wird die auf Tatsachen beruhende Geschichte einer Sekte erzählt, die im Dschungel Mittelamerikas auf Geheiß ihres Führers kollektiven Selbstmord beging. Der einzige Überlebende schart neue "Jünger" um sich, um dann in Ystad Gottes "Jüngstes Gericht" über die ahnungslose schwedische Provinz hereinbrechen zu lassen.
Aus dieser Kurzzusammenfassung wird bereits deutlich, dass das zu lösende Rätsel, das gemeinhin zu Beginn des Kriminalromans steht und dessen Lösung die Handlung strukturiert, in diesem Roman nicht vorhanden ist. Im Vergleich zu seinen anderen Romane, die meist im der Beschreibung des Verbrechens einsetzen, fehlt diesem Roman letztlich eine derart evozierte Spannung, die zum Lesen motiviert. Die Konflikte zwischen Vater und Tochter im Zuge der Ermittlungen um das rätselhafte Anzünden von Tiere entstehen, können da nicht wirklich hinweghelfen. Es scheint sich abzuzeichnen, dass Mankell besser Geschichten erzählt als psychologische Profile entwirft. Mitunter hätte auch ein intensiveres Lektorat geholfen, solche Schwächen zu verdecken. Dem kommerziellen Erfolg wird dies aber keinem Abbruch tun, da der Roman allein aufgrund der hohen Erwartungshaltungshaltung der Leser gekauft wird. In deren Sinne darf man hoffen, Mankell in Zukunft wieder mehr dem "Morden" zuwendet, und weniger dem Vater-Tocher Konflikt.