Von Menschen und Computern : Landleben Buch des Monats März
An einem gewöhnlichen Morgen in einer gewöhnlichen amerikanischen Kleinstadt wacht der Rentner Owen auf und stellt fest, daß seine Frau nicht mehr neben ihm liegt – denn sie macht Frühstück, wie jeden Morgen, er kann den Kaffee schon riechen. Sie halten das nicht für einen gelungenen Auftakt für einen Roman? Lassen Sie sich nicht täuschen!
An diesem Morgen im Bett läßt Owen sein Leben Revue passieren, von seiner Kindheit in einem kleinen Ort namens Willow über seine erste Ehe mit Phyllis in Middle Falls bis zu seiner zweiten in Haskells Crossing, wo er jetzt im Bett liegt, während Julia unten Kaffee kocht. „Landleben“ ist ein Roman über das Älterwerden, ein Roman über Sex und ein Roman über Computer.
Nach ersten zaghaften Pettingversuchen im Kombi seines Vaters, die daran scheitern, daß Owen sich im Wald zu sehr fürchtet, verschlägt es ihn als jungen Erwachsenen an das MIT, wo er Mathematik studiert und seiner Kommilitonin Phyllis schöne Augen macht. Die beiden werden ein Paar, heiraten, ziehen in die Kleinstadt Middle Falls und gründen eine Familie. Owen entwickelt ein Grafikprogramm, das er über eine selbstgegründete Firma vermarktet, nebenbei schläft er mit seinen Angestellten und anderen Frauen der Stadt; wenn er auswärts auf Dienstreise ist, auch mit Frauen aus anderen Städten, lediglich die Frau seines Partners weist er zurück, als sie ihm einmal auf einer Party ein unmoralisches Angebot unterbreitet.
Doch in Kleinstädten lassen sich solche Dinge nur schwer geheimhalten, und so hat Owen nicht nur mit der Zeit einen gewissen Ruf, sondern auch einige Probleme, seine Affären zu organisieren. Als dann noch eine seiner Geliebten von ihm schwanger wird, vereinfacht das die Dinge auch nicht gerade. Erst das Zusammentreffen mit Julia vermag Owens Liebesleben wieder in geordnete Bahnen zu lenken.
Dabei steht auch diese Beziehung anfangs nicht unter einem guten Stern. Sowohl Owen als auch Julia sind verheiratet – letztere gar mit dem Dorfpfarrer. Doch während Julia sich schnell und konsequent auf die neue Beziehung einläßt und ihre Scheidung zügig in die Wege leitet, quält sich Owen zwischen den Stühlen ab, will die Sicherheit seiner Ehe mit Phyllis nicht aufs Spiel setzen und fühlt sich andererseits durch Julias Scheidung unter Druck gesetzt. Doch noch während des Scheidungsprozesses stirbt Phyllis bei einem Autounfall, und Owen zeiht mit Julia nach Haskells Crossing, wo Owens zweite Ehe beginnt und Julia sich einredet, ihre unchristliche Entscheidung, eine Ehe zu beenden, sei moralisch gerechtfertigt, da sie damit Owen auf den Pfad der Monogamie zurückgeführt habe.
In „Landleben“ erzählt Updike detailreich, unterhaltsam und wortgewandt aus dem amerikanischen Alltag, in dem es unter der prüden Oberfläche nur so brodelt. Nebenbei wird in amüsanten Auszügen die Geschichte der Computer dargestellt, von raumfüllenden Monstren über „Computer, die nur noch so groß sind wie ein Kühlschrank“ bis hin zu modernen PCs. Vor allem aber ist „Landleben“ ein Roman über das Älterwerden, darüber, wie die Jugend vor der Kulisse des Alltags eines Rentners, der sich selbst als ehemaliger Experte in der modernen Computerwelt kaum noch zurechtfindet und dessen Libido langsam erlischt, zu einem schönen Traum verblaßt – für den selbst über 70jährigen Updike sicherlich ein Thema, das in dieser schonungslosen Ehrlichkeit zu schreiben viel Mut gekostet haben mag. Trotz dieser schweren Thematik bleibt „Landleben“ dennoch ein großartiger Roman, der zwar anfangs etwas langsam in Fahrt kommt, dann aber fesselt und gekonnt unterhält.
John Updike Landleben Deutsch von Susanne Höbel und Helmut Frielinghaus
Rowohlt Verlag
416 Seiten, EUR 19,90
ISBN 3-498-06883-0