Von der Schuld zur Scham und umgekehrt – Emotionales Desaster zweier Frauen
Es sind nicht die aufdringlichen Mordfälle, die bei Karin Alvtegen begeistern, sondern eher die stillen persönlichen Lebensgeschichten und –ereignisse, die innerlich so laut sind und doch oft nur mit ersticktem Schrei ausgedrückt eindringliche Spannung erzeugen. Auch in „Scham“ präsentiert sich die Autorin als sensible Kennerin menschlicher Psyche und tief sitzender Emotionalität.
Wäre der Buchtitel „Schuld“ nicht schon der ihres dritten Thrillers, er hätte sicher auch bei der aktuellen Geschichte gepasst, denn mindestens bei einer der Protagonistinnen, der selbstbewussten und erfolgreichen Ärztin Monika Lundvall, beginnt die Geschichte mit dieser unerträglichen Empfindung.
Mangelnde Anerkennung und Liebe, die belastende und einschränkende Versorgung ihrer sie eher ignorierende Mutter und die ständige Erinnerung an ihren tödlich verunglückten Bruder lassen kaum Platz für eine vorwärts gewandte, positive Lebensgestaltung der sich nach Liebe und Verbindlichkeit sehenden Frau. Die aufkeimende Beziehung zu einem Mann und eine weitere angenehme Beziehungserfahrung während eines Seminars wenden sich für Monika schlagartig in einen tief greifenden Stimmungs- und Handlungswandel. Zwischen Scham und Schuld pendelnd manövriert sich die unter einem dramatischen Vergangenheitsereignis leidende Frau geradezu unaufhaltsam selbst ins Unglück.
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Eine ganz andere, aber ebenso unerträgliche Situation war für die bis zur Unbeweglichkeit dick gewordene Maj-Britt Auslöser deren Scham- und Schuldgefühls. Vom Leben und sich selbst enttäuscht kanalisiert die unbewegliche Frau all das, was sie erlitt, in herablassenden Umgang mit den einzigen Menschen, die sich um sie kümmern – die Helferinnen vom örtlichen Hilfsdienst. Als sie einen Brief ihrer Jugendfreundin erhält, stürzt auch sie in einen abgrundtiefen Strudel schlechter Erinnerungen, Schuld und unbewältigter Scham.
In hervorragender Weise führt die Autorin die beiden Frauen in dicht und klug verwobenen Erzählsträngen zusammen. Ohne anzuhalten spinnt sie aus den Fäden individueller Erfahrungen einen dramatischen Strang schwer zu verarbeitender menschlicher Empfindungen von bewegender Dichte, ein Psychogramm allein gelassener Frauen und ihren so unterschiedlichen Bewältigungsstrategien.
Kein Mord und keine wild explodierende Actionszenerie, sondern die präzise Beschreibung innerer Blockaden, Ängste, Beklemmungen und düsteren Überlegungen machen „Scham“ zu einem beachtenswerten Psychothriller.