Geschichten aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten : Fleischeslust
Amerika ist seit jeher das große Thema von T.C. Boyle, und man könnte meinen, in seinen mittlerweile zehn Romanen hätte er es aus allen erdenklichen Winkeln beleuchtet –Einwandererproblematik und Arm-Reich-Gegensatz etwa in „América“, Hippies und Aussteiger in „Drop City“, puritanische Prüderie in „Dr. Sex“. Wenn man dann aber Boyles zumindest in Deutschland eher weniger beachtete Kurzgeschichtensammlungen aufschlägt, sieht man schnell, daß im Kopf des Autors noch weit mehr Ideen herumspuken.
Die titelgebende Geschichte beginnt wenig appetitlich – der Erzähler, der unter der kalifornischen Sonne am Strand von Santa Ana eingedöst ist, erwacht, als ein Hund auf ihn uriniert. Immerhin – auf diese Art lernt er Alena, die Besitzerin des Hundes, kennen, und kommt zu einem One-Night-Stand und zu einem neuen Nebenjob als radikaler Veganer und Umweltaktivist, und das, obwohl er vorher ein begeisterter Fleischesser ohne sonderlich ausgeprägtes Umweltbewußtsein war – ein amüsantes Wiedersehen mit den radikalen Umweltschützern, die mit „Ein Freund der Erde“ bereits einen ganzen Boyle-Roman bevölkern.
In Amerika, so die landläufige Meinung, ist jedem alles möglich, vorausgesetzt, man wird sich über den Preis einig. Und die Preise, die Bernard Puffs Kundschaft zahlt, sind hoch – hoch genug dafür, daß Puff ihnen ein ganz besonderes Spektakel inszeniert: er holt die afrikanische Savanne mitten in die USA, komplett mit Löwen, Giraffen und Elefanten. Und seine Kunden dürfen auf Großwildjagd gehen – für einige hundert Dollar pro Antilope bis hin zu stolzen 18000 Dollar für einen Elefanten, inklusive Trophäe. Doch statt professioneller Großwildjäger finden sich hier Freizeitschützen wie der Immobilienmakler Mike Bender ein, der seiner Frau etwas Besonderes bieten will, sich aber als miserabler Schütze entpuppt – und so, aufgrund seines Mißgeschickes mit der Waffe zweifelnd an seiner Männlichkeit, vom Jäger zum Gejagten wird.
Amerika, das ist auch Football. Und Football heißt in Amerika, auch dann um der Ehre willen anzutreten, wenn die Niederlage vorprogrammiert ist. Auch dann, wenn die Hälfte der Mannschaft verletzt ist und der Aufmarsch eher einem Invalidenzug ähnelt. Amerika, das sind auch Anti-Drogen-Kampagnen, zu denen Schulkinder von heute ihre Eltern mitschleppen, wo sie zwischen anderen Eltern der 68er-Generation sitzen und ihren Kindern versichern, daß sie selbstverständlich noch nie Drogen genommen hätten.
Und Amerika, das ist natürlich auch die Möglichkeit, seinen Besitz endlos zu mehren. In „Jägerinnen und Sammler“ heuern Julian und Marsha Laxner die Organisationsexpertin Susan Certaine an, die den Besitz des an Sammelwut leidenden Paares endlich ordnen soll – zumindest, so ist Julian Laxners Wunsch, sollte man sich in dem Haus wieder einigermaßen frei bewegen können. Doch die radikale Organisationsmethode Certaines schockiert die Laxners, als sie einige Wochen später in ein komplett leeres Haus zurückkehren und mit den Details des von ihnen unterschriebenen Vertrages konfrontiert werden – sie haben noch das Anrecht auf genau 50 Gegenstände aus ihrem ehemaligen Besitz.
T.C. Boyles Kurzgeschichten offenbaren Einblick in den schier unerschöpflichen Ideenfundus des Bestsellerautors, in welchem seine Romane eher noch die konventionellen Themen aufgreifen. Die Kurzgeschichten sind sein Experimentierfeld, auf dem Boyle auch den ungewöhnlichen, abseitigeren Gedanken freien Lauf läßt, mit derselben akribischen Liebe zum Detail und der Fähigkeit, auch auf nur wenigen Seiten seinen Charakteren Leben einzuhauchen. „Fleischeslust“ ist eine gelungene Sammlung, die sich hinter Boyles Bestsellerromanen keinesfalls verstecken muß.
T.C. Boyle Fleischeslust Deutsch von Werner Richter
dtv
304 Seiten
ISBN 3-423-12910-7