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Zwei Fremde im Zug PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Wolfgang Haan, am 10-02-2006 22:56
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Schicksalhafte Begegnung im Zug : Zwei Fremde im Zug

Zwei junge Männer treffen sich zufällig während einer längeren Zugreise in den 50-er Jahren des letzten Jahrhunderts. Der eine, Guy, gibt sich weltmännisch, besonnen jedoch auch zupackend, optimistisch und vorwärtsstrebend, wo hingegen der andere, Bruno,  wie ein verzogenes, quengelndes Kind wirkt, ohne Platz im Leben, zynisch, nach Anerkennung suchend und doch den falschen Weg einschlagend.

Zwei Menschen im fast gleichen Alter, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Trotz ihrer unterschiedlichen Mentalitäten gesellen die beiden sich zusammen, essen gemeinsam und betrinken sich zusammen, eher zufällig als bewusst den Rausch suchend. Während dieser Ausnahmesituation erzählt das Enfant terrible Bruno dem weltmännischen Guy von seinem Wunsch, etwas Außergewöhnliches zu leisten. Schon in diesem frühen Stadium des 9 CDs umfassenden Hörbuches leistet der Sprecher Hans Eckardt erstaunliches.

Statt jedem einzelnen Protagonisten eine eigene unverwechselbare Tonart zuzuordnen, liest er größtenteils gleichförmig. Doch unter seiner Lesung verborgen breitet er durch leichte, jedoch signifikante Modifikationen der Stimme einen Regenbogen der Gefühle aus. So klingen zu Beginn des Hörbuches Guys Parts abgeklärt und man hat den Eindruck, Guy belächelt Brunos aufdringliche Freundschaft, ohne dies jedoch bösartig zu betreiben, denn auf irgendeine Art fühlt er sich durch diese Aufmerksamkeit geschmeichelt. Ähnlich verfährt er bei Bruno. Nach außen hin gibt er sich kühl, zynisch und abgeklärt doch in seinen inneren Monologen und der indirekten Rede erfährt der Hörer, verstärkt durch die audiophilen Fähigkeiten des Sprechers, was sich hinter dieser Fassade verbirgt.

Denn Bruno ist einsam, leicht zu verletzen und strebt nach der Anerkennung durch seinen Vater. Doch statt dies durch übliche Mittel wie beispielsweise Erfolg im Beruf oder Studium zu erlangen, trachtet er nach Größerem. Denn, so sagt er zu Guy: „Warum soll ich arbeiten und Geld verdienen, wenn mein Vater doch schon genug hat?“ Doch Brunos Vater hat nur Verachtung für seinen Nichtsnutzigen Sohn über und hält ihn finanziell an der kurzen Leine. So reifte schon früh der Wunsch in Bruno, sich seines Vaters, den er und seine Mutter nur „Den Captain“ nennen, zu entledigen, da dieser sich bisher weigert, freiwillig das Zeitliche zu segnen.

Der ungeheuerliche Plan

Während dieser durchzechten Nacht erfährt Bruno von Guys Eheproblemen. Dieser verdächtigte seine Ehefrau Miriam schon seit längerem, Ehebruch zu begehen. Doch erst, als er sie mit einem anderen Mann im Bett erwischt, zieht er die Konsequenzen. Doch um die Katastrophe jetzt perfekt zu machen, erwartet Miriam von einem anderen Mann ein Kind und will jetzt zu Guy zurückkommen. Doch der hat andere Pläne und will sich scheiden lassen. Bruno macht Guy einen ungeheuerlichen Vorschlag: Er tötet für Guy dessen Frau Miriam und im Gegenzug soll Guy Brunos Vater töten.

Guy hält das ganze Gerede für Geschwafel und vergisst schon beim Aussteigen aus dem Zug Bruno und seinen absurden Plan. Doch Bruno lässt die Idee nicht mehr los. Auch hier zieht Hans Eckhardt wieder alle Register seines Könnens. Brunos Gedanken klingen fahrig, unzusammenhängend, fast stammelnd während des Zeitraums von der Geburt des Gedankens bis zum Beginn der Verfolgungsjagd über das Gelände des Vergnügungsparks. Dazwischen gibt es immer wieder Passagen, in denen Bruno mit seiner Mutter spricht, die er genauso abgöttisch liebt wie er seinen Vater abgrundtief hasst. Hier klingt die Stimme des Rezitators einschmeichelnd, demütig und anlehnungsbedürftig. Selbst als Bruno beschließt, den Mord auszuführen, klingt seine Intonation nicht selbstbewusst, sondern stur, starrsinnig und so, als ob er sich Selbst etwas beweisen will. Dabei ist ihm durchaus bewusst, dass Guy dem Plan überhaupt nicht zugestimmt hat. Er will den Mord durchführen, „auch wenn Guy meinen Vater nicht ermorden will.“ Für Bruno ist der Mord endlich das Mittel, um Anerkennung zu erlangen.

Doch schlagartig wechselt die Stimmlage von tatkräftig zu nachdenklich-unsicher, wenn Bruno feststellt, dass „er niemandem von dem Mord erzählen kann. Nicht mal meiner Mutter. Mord ist nicht ihre Welt. Nur Guy kann ich von meiner Tat berichten.“ Doch dies reicht ihm vollkommen aus und so macht er sich kurzerhand auf, seinen Plan umzusetzen. Während der gesamten Zugfahrt, der Suche nach Miriam in Metcalf und ihrer Verfolgung bis zum Vergnügungspark in einem Taxi bleibt die Lesung unterschwellig unsicher. Bruno will zwar zum Mörder werden, doch er hat sich noch nicht einmal für ein Mordwerkzeug entschieden. Nachdenklich geht er im Kopf die verschiedenen Möglichkeiten durch: Erstechen, Erschießen, Erwürgen, Erschlagen? Und erst jetzt, als ihm selber bewusst wird, dass er erstmals in seinem Leben etwas Außergewöhnliches tun wird, erstarkt hörbar sein Selbstbewusstsein. Je weiter sein Plan gedeiht, er Miriam näher kommt, er sich für einen Modus operandi entscheidet, umso fester klingt die Stimme des Sprechers, umso aufrechter glaubt man Bruno gehen zu sehen, umso eiskalter und berechnender wird er.

Perfekter als auf diesem Hörbuch kann man psychische Vorgänge wohl kaum für den Hörer erlebbar machen.

Setzt Bruno Guy schachmatt?

Mehr soll hier nicht vom Hörbuch „Zwei Fremde im Zug“ von Patricia Highsmith verraten werden. Wer jetzt lässig abwinkt und auf den gleichnamigen Kinofilm von Alfred Hitchcock verweist, dem entgeht ein brillantes Stück weltliterarischer Krimiliteratur. Denn obwohl der Film auf dem Buch basiert, hat dieser bis auf die Grundidee kaum etwas mit diesem Psychothriller der Extraklasse zu tun. Die eigentliche Handlung tritt hinter die fein gearbeitete psychologische Entwicklung der beiden Protagonisten zurück, die sich in inneren Monologen oder indirekter Rede abspielt, die von einem hervorragenden Sprecher dem Hörer nahezu perfekt nahegebracht wird.

Diese Tiefe, die paraphrasierenden mentalen Zweikämpfe der beiden Protagonisten, fehlen dem Film völlig und machen den großen Reiz des Buches aus. Neben den psychologischen Entwicklungen muss man sein Augenmerk auch auf die gesellschaftlichen Konventionen der damaligen Zeit, kurz nach dem zweiten Weltkrieg, richten. Ehebruch kam offiziell nicht vor, eine Scheidung war praktisch undenkbar und nur mit großem Aufwand durchsetzbar. Eine abgöttische, ödipale, ja fast inzestuöse Liebe wie die von Bruno zu seiner Mutter, „der Frau mit den schönsten Beinen, die er je bei einer Frau, egal ob jung oder alt, gesehen hatte“, lag jenseits aller Vorstellungskraft.

Die Psychologie steckte noch in den Kinderschuhen und die Auswirkungen des Einflusses eines dominanten Vaters auf die Entwicklung eines zarten Kindes weitestgehend unerforscht. Doch selbst wenn man dieses zeitgeschichtliche Umfeld nicht berücksichtigt, hat „Zwei Fremde im Zug“ bis heute nichts von seiner Wirkung verloren. Denn die Grundidee ist so simpel wie unschlagbar: Der perfekte, unaufklärbare Mord, wenn sich beide Beteiligten an die Abmachung halten.

Fazit: Zeitlose psychologische Studie zweier junger Männer, die scheinbar zufällig in einem Zug aufeinander treffen. Hans Eckardt verleiht dem Plot durch seine nahezu perfekte Interpretation der intertextuellen Bezüge eine fast plastisch greifbare Dimension, die seines gleichen sucht. Für alle Freunde des subtilen Psychothrillers ist dieses Hörbuch aller erste Wahl.

Patricia Highsmith
Zwei Fremde im Zug
Hörbuch Marbug
648 Minuten, EUR 28,99
ISBN3896142933

Hier bestellen:



Letztes Update: 02-03-2006 08:31

Veröffentlicht in : Hörbuch, Krimi / Thriller
Schlüsselworte : Highsmith, Patricia Highsmith, Rezension, Hörbuch, Hörbuchrezension, Krimi, Thriller, Hitchcock, Audiobook, Audiobuch, Literaturrezension, Literaturkritik,
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