Es ganz normaler Samstagabend in einer amerikanischen Kleinstadt, als die 13-jährige Jenny Weaver durchdreht. Vor der Rollschuhdisco droht sie, den drei Jahre älteren Mark zu erschießen, nachdem sie vorher den Rucksack mit der zerstückelten Babyleiche in der Toilette entsorgt hat. Alles sieht nach einer Kurzschlussreaktion nach einer ungewollten Schwangerschaft aus, doch Jennys Obduktion enthüllt etwas Grässliches...
Eigentlich sollte es ein normales Date werden mit ihrem Ex-Mann Jeffrey werden, das Kinderärztin Sara helfen sollte, sich über ihre widersprüchlichen Gefühle klar zu werden. Doch es entpuppt sich als Alptraum, als Sara zusehen muss, wie Jeffrey die 13-jährige Jenny Weaver erschießt, bevor die dem drei Jahre älteren Mark Patterson das Gehirn wegpusten kann. Licht scheint in den Fall zu kommen, als Sara entdeckt, dass Jenny kurz zuvor auf der Toilette ein zu früh geborenes Kind getötet hat. Doch bei der Obduktion stellt sich heraus, dass Jenny nicht die Mutter sein kann - ihre Vagina ist zugenäht.
Jeffrey und seine labile Kollegin Lena, die selbst vor ein paar Monaten Opfer einer brutalen Vergewaltigung geworden war, beginnen, in Marks Umfeld zu ermitteln. Der lebt mit seiner Schwester Lacey und seinen Eltern in einem Trailer am Rand der Stadt und muss mit ansehen, wie seine Mutter langsam an Brustkrebs stirbt. Doch das allein erklärt nicht Marks seltsames, frühreifes Benehmen, das Lena als "hypersexualisiert" bezeichnet. Und es erklärt auch nicht die seltsame herzförmige Tätowierung auf seiner Hand.
Karin Slaughter, der Shooting Star der Thriller-Szene, greift mit ihrem Roman Vergiss mein nicht - die wenig originelle Übersetzung des Originaltitels Kisscu -, ein heikles Thema auf: Kindesmissbrauch. Direkt und ziemlich hartgesotten führt sie den Leser durch eine Welt, die weit davon entfernt ist, schön oder heil zu sein. Nicht nur ihre "Bösen" sind krank und gebrochen, auch die, die eigentlich Recht und Gesetz vertreten, sind von ihren Schicksalen so gezeichnet, dass man sich streckenweise fragt, ob die Autorin nicht ein wenig dick aufträgt. Auf der anderen Seite gelingen Karin Slaughter aber auch Charaktere wie der zwiespältige Mark oder seine todkranke Mutter, denen es wirklich gelingt, den Leser zu faszinieren und über das Ende des Romans hinaus zu fesseln.
Nur eines ist schade: Am Ende scheint die Autorin Angst vor ihrer eigenen Courage zu bekommen. Der Roman, der fast gänzlich ohne Schwarz-Weiß-Zeichnung ausgekommen ist, bekommt zuletzt in der Gestalt eines der Täter noch einen gewaltigen moralischen Zeigefinger verpasst. Die Guten vereinen sich kollektiv in einem Abscheu, den die Autorin eigentlich auch dem denkenden, fühlenden Leser überlassen könnte. Da scheint sich eine gewisse Angst zu zeigen, dass bei einem Thema wie Kindsmissbrauch Grautöne zu leicht missverstanden werden könnten.
Fazit: Düsterer Thriller, der beinahe ohne Wertung auskommt
Karin Slaughter
Vergiss mein nicht
Übersetzt von Teja Schwaner
rororo
Taschenbuch, 512 Seiten, EUR 9,90
ISBN 3-499-23243-X