Bellefleur ist der berühmteste Roman der amerikanischen Schriftstellerin Joyce Carol Oates. In ihrem bereits 1980 (Deutschland 1982) erschienenen Roman zeichnet sie die düstere Chronik der Familie Bellefleur, seit ihrer Ankunft in der Neuen Welt aus dem alten Europa bis hin in die Gegenwart des Jahres 1980 nach und stellt in ihrem mehr als zweihundert Jahre umfassenden Überblick den Fluch von großer Macht und reichem Besitz dar, an dem die Familie nach und nach zu Grunde geht.
Sechs der insgesamt sieben Generationen die Oates beleuchtet, lebten im Herrenhaus der Bellefleurs im westlichen Teil des Staates New York. Und genau um dieses Herrenhaus ranken sich sämtliche Handlungen, die ineinander tief verstrickt sind, was auch durch den häufigen Wechsel der Erzählzeit, durch nahezu alle Generationen hindurch, verdeutlicht wird.
Der Gründer der bekannten Familie, Jean-Pierre Bellefleur, hat seine unehelichen Kinder aus seinem Leben verstoßen und regelrecht in die Sümpfe verbannt, von wo aus sie ihren zunehmend reicher werdenden ehelich geborenen Verwandten das Leben zur Hölle machen wollen und so Rache für die ihnen auferlegte Schande nehmen wollen. Jean-Pierres Sohn Jebediah, der einsam in den Bergen lebte und so die Erfahrung Gottes suchte, wurde schließlich gezwungen in die Zivilisation zurückzukehren, um als einziger Überlebender seine Schwägerin Germaine zu heiraten und so seine Familie fortzusetzen.
Jahre später motiviert die Geburt seiner Ur-Ur-Enkelin Germaine ihre Mutter Leah dazu, den über die Jahre durch Wetten und Rechtstreite verlorenen Familienbesitz wieder zu gewinnen. Zunächst erweisen sich Leahs Bemühungen als überaus erfolgreich und der Fluch, der scheinbar auf der ganzen Familie lastete, scheint vergessen zu sein. Doch der Schein trügt, während Leah sich fleißig dem Familienbesitz widmet, geht ihr Mann seinen Vergnügungen und Liebschaften nach und gewaltsame Tode und das mysteriöse Verschwinden einiger Familienmitglieder trüben das vermeintliche Idyll. An Germains vierten Geburtstag stürzt ihr Vater schließlich mit einem mit Bomben beladenen Flugzeug auf das Herrenhaus und löscht sich, seine Frau und nahezu die gesamte Familie Bellefleur aus.
In ihrem wohl bekanntesten Roman gesellen sich zu den ausgeprägten realistischen Zügen auch viele symbolische und mythische Züge. So stoßen unter anderem eine mysteriöse Katze und zwergenhafte Fabelwesen zu der Familie Bellefleur und bereichern die Familie. Bellefleur ist sowohl Schicksalsroman als auch eine Familien- und Liebesromanze, die durch ihre Symbolhaftigkeit und ihre mythischen Wesen mit deutlichen Zügen des Schauerromans ausgestattet ist. Wichtigstes und alle Generationen durchdringendes Motiv ist der Fluch, der auf der Familie lastet und die Familie nahezu komplett auslöscht. Nur wenige Mitglieder der Bellefleurs können sich diesem alles beherrschenden Familienfluch durch Aufkündigung ihres Erbes, Flucht oder energischen Widerstand entziehen.
Bellefleur ist ein faszinierender Roman, der viele unterschiedliche Facetten aufweist und so deutlich von den gängigen Familiensagas hervorzuheben ist.
Joyce Carol Oates
Bellefleur
Aus dem Amerikanischen von Elisabeth Schnack
Deutscher Taschenbuch Verlag
767 Seiten, EUR 11,90
ISBN 3-423-20883-X