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Deutsch ist wieder in PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Heiko Paulheim, am 09-01-2006 00:23
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Der Überraschungserfolg von Bastian Sicks „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ hat einen wahren Deutsch-Boom ausgelöst. Klarer Fall: Deutsch ist wieder in, Pisa-Mahner, Anglizismen-Bekämpfer und Grammatik-Experten die Helden der Neuzeit, und zur Rechtschreibreform hat sogar die große Mehrheit derer eine Meinung, die ein „das“ weder vom „dass“ noch vom „daß“ unterscheiden kann. Ob es wohl bald „Deutschland sucht den Super-Deutschlehrer“ gibt? Zumindest wäre Dieter Bohlen dafür als Moderator wenig glaubhaft, aber das ist eine andere Geschichte.

Hier bestellen!Angefangen hat alles mit dem Zwiebelfisch. Diese Kolumne von Bastian Sick, die seit Mai 2003 auf Spiegel Online erscheint, beschäftigt sich mit den schwierigen Niederungen der deutschen Sprache. Besonders beliebte Zweifelsfälle: welches Verb zieht welchen Fall nach sich – der alte Germanisten-Witz „Wir gedenken dem Dativ“ dürfte für den Titel Pate gestanden haben. Auslöser waren, wie Sick in einem Interview auf der Frankfurter Buchmesse erzählt, kurze E-Mails, die er an seine Kollegen bei Spiegel Online versandt hat, in denen er Merktexte zu Deutschproblemen, die ihm beim Korrekturlesen unterkamen, verfaßte. Diese oft pointiert geschriebenen und mit kleinen Geschichten angereicherten Texte gefielen den Kollegen dann so gut, daß eine regelmäßige Kolumne daraus wurde, und aus der Kolumne schließlich ein Buch, von dem mittlerweile der zweite Band, ein Bestseller wie auch der erste, erschienen ist.
Auch zu diesem ist mittlerweile ein Hörbuch erschienen, und anders als beim ersten Band liest Sick hier seine Texte selbst. Ein Hörbuch zur deutschen Grammatik? Daß man es sich bei einem Krimi im Sessel gemütlich macht, kann man sich ja gerade noch vorstellen, aber bei einem Deutschbuch? Daß das funktioniert, liegt an Sicks Talent, die schweren und trockenen Inhalte in kurze Geschichten mit Augenzwinkern und Ironie zu verpacken. So wird aus langweiligen Lektionen über Modi, Fälle und Beugungsformen, aber auch über falsch verwendete Sprichwörter und Fragen wie die, warum etwa der Rhein männlich ist, die Elbe aber weiblich, ein lustiges Sammelsurium von Kuriositäten und Beobachtungen.

Hier bestellen!Trotz aller Bemühungen und neuem Interesse am Deutschen wird häufig die Befürchtung geäußert, die deutsche Sprache könnte verrohen, verkommen oder gar ganz aussterben. Die Argumente, die dabei ins Feld geführt werden, sind nicht komplett von der Hand zu weisen: Wo ohne Sinn und Verstand Apostrophe und Bindestriche gesetzt werden, um Kreationen zu „Uschi’s Suppen-Top’f“ zu erschaffen, wo das Ortsgespräch zum „City Call“ wird oder gar die Bahnhofstoilette zum „McClean“, da darf durchaus einmal gefragt werden, was aus der Sprache der Dichter und Denker inzwischen geworden ist und noch werden soll.
Gefragt hat das auch der Germanist Burckhard Garbe, und seine gesammelten Bedenken sind in dem Buch „Goodbye Goethe“ zusammengefaßt. Darin nimmt er in kurzen Kolumnen alle möglichen Phänomenen des Sprachwandels unter die Lupe: Abkürzungen in der Alltagssprache, Kuriositäten in der Bemühung, Gleichberechtigung in die Sprache einzubringen oder demonstriert, daß sich viele Reime in Goethes Faust überhaupt nur reimen, wenn man das Werk in breitem Südhessisch vorliest. Auch aktuelle geflügelte Worte wie „Teuro“ oder „Wir sind Papst“ dürfen da ebensowenig fehlen wie eine Abrechnung mit der Rechtschreibreform.
Auch wenn manche der Texte wie etwa „Des Rasenmähers Geliebte“ eher wie eine unfertige Fingerübung wirken, bei anderen, zum Beispiel einer Abhandlung über die Sprache im Märchen, der Bezug zum Thema „Sprachwandel“ nicht ganz klar wird, ist „Goodbye Goethe“ dennoch ein recht unterhaltsames Lesebuch über die deutsche Sprache, nicht ganz so pointiert wie die Zwiebelfisch-Kolumnen von Sick, aber dennoch informativ und lesenswert.

Hier bestellen!Eine ganz andere Herangehensweise an das Thema „Sprache im Wandel“ hat Bodo Mrozek gewählt. Anders als manche Herausgeber englischsprachiger Wörterbücher, so der Autor im Vorwort, führen deutsche Wörterbücher nur in den seltensten Fällen Buch über Wörter, die nicht mehr im Umlauf sind und still und leise aus den Enzyklopädien gestrichen werden. Die Gründe dafür sind mannigfaltig: mal sind es die bezeichneten Dinge selbst, die nicht mehr in Gebrauch sind, womit die Wörter überflüssig werden, mal ersetzen Lehnwörter alte Bezeichnungen, dann wieder ist es die Jugendsprache, bei der sich jede Generation ihre eigenen Wörter sucht und die ihrer Vorgänger ausmistet.
Eine Sammlung solcher Wörter, die bereits in Vergessenheit geraten sind oder sich auf dem besten Wege dorthin befinden, listet Mrozeks „Lexikon der bedrohten Wörter“ von „Abgunst“ bis „Zwille“ auf. Wie in einem Nachschlagewerk sind hier veraltete Schimpfwörter wie „Laffe“ und „Hundsfott“, Kuriositäten aus der deutsch-deutschen (Sprach-)geschichte wie „gaucken“ und „Jahresendflügelfigur“ oder Klassiker wie „geil“ und „Remmidemmi“ versammelt. Der Autor erzählt die Geschichte dieser Wörter, kleine Anekdoten, die sich um ihren Gebrauch ranken, und bedient sich auch bisweilen auch des sarkastischen Humors, etwa wenn es um Wörter wie „Sozialstaatlichkeit“ geht: „Ihre schrittweise Abschaffung exekutierte die rot-grüne Bundesregierung (1998-2005), den Rest besorgen ihre Nachfolger.“ Oder wenn zur „Vollbeschäftigung“ geschrieben wird, man könne den Geschichtsbüchern entnehmen, daß es sie einst wirklich gegeben habe. So ist das „Lexikon der bedrohten Wörter“ eine kurzweilige, unterhaltsame Lektüre für alle, die sich um den Verfall der deutschen Sprache sorgen.

Aber muß man sich überhaupt sorgen, wenn es so viele Neuveröffentlichungen gibt, die sich mit dem Thema auseinandersetzen, wenn Bücher über Grammatik zum Bestseller werden? Die drei Autoren demonstrieren jedenfalls, daß man das Thema auch anders angehen kann, als bloß im Feuilleton den Untergang der Sprache herbeizuschreiben: mit Verstand, aber vor allem mit Humor.


Bastian Sick
Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod – Folge 2
2 CDs, 151 Minuten, Der Audio Verlag
ISBN 3-89813-445-8


Burckhard Garbe
Goodbye Goethe – Sprachglossen zum Neudeutschen
160 Seiten, Verlag Herder
ISBN 3-451-05611-9


Bodo Mrozek
Lexikon der bedrohten Wörter
220 Seiten, Rowohlt Verlag
ISBN 3-499-62077-4

Letztes Update: 18-07-2006 15:33

Veröffentlicht in : Magazin, Specials
Schlüsselworte : deutsch im wandel, pisa, bastian scik, der dativ ist dem genitiv sein tod, burckhard garbe, mrozek, bodo, bodo mrozek, sick, garbe, mrozek, deutschstunde
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