Nach dem Tod seines Vaters muss der gutmütige, doch minderbemittelte Riese Pausback allein durch die Lande ziehen und auf den Märkten Arzneimittel verkaufen. Auf dem Weg trifft er den jungen Vagabunden Listig, der zwar keine Füße mehr hat, dafür aber ein umso größeres Mundwerk. Als Kopf und Beine erleben sie die tollsten Abenteuer, bis eine Frau droht, die Einheit zu zerstören.
Nomen est omen: Das größte Talent des jungen Burschen Listig ist es, seinen Mitmenschen das Geld aus der Tasche zu ziehen. Das braucht er auch, denn nach einem Kutschenunfall hat er beide Füße verloren. Zurückgeblieben ist die Erinnerung an einen hakennasigen Mann und eine bezaubernd schöne Frau. Doch noch liegt ein Wiedersehen mit beiden in weiter Ferne, erst kreuzt sich sein Weg mit dem gutmütigen Riesen Pausback, der versucht, als Wanderapotheker sein Auskommen zu finden. Nachdem das ungleiche Paar sich zusammengerauft hat, zieht es mit einigem Erfolg über die Märkte. Doch Listigs Talent, am falschem Moment das Falsche zu sagen, bringt sie direkt in das Räuberlager des berüchtigten Hauptmanns Galantho.
Während die beiden darauf sinnen, ihre Freiheit zu erlagen, sehnt sich Amtmann Röther nach einer ganz anderen Art der Freiheit – er möchte seine Frau loswerden und mit ihrem Geld das Amt des stellvertretenden Bürgermeisters erlangen. Komplizin ist seine Magd und Geliebte Eva, die ihre Herrin langsam mit Arsen vergiftet. Doch der Plan droht zu scheitern, denn nicht nur das Opfer wird misstrauisch, es gibt auch eine Zeugin für die Tat. Altmagd Mutter Krumm beobachtet Eva und kann sich vor deren Zorn in die Wälder retten. Dort gerät sie geradewegs in das Lager von Galantho und seinen Spießgesellen.
Wieder einmal entführt Autor Wolf Serno seine Leser in eine längst vergangene Epoche, diesmal in das Deutschland des ausgehenden 18. Jahrhunderts, und wieder wählt er einen besonderen Blickwinkel, nämlich den auf die Mediziner der Vergangenheit. Er besticht erneut mit anschaulich vorgetragener Recherche, und wie schon in Die Hitzkammer verquickt er seine Grundhandlung mit einem ausgeklügelten Kriminalfall, diesmal um die schöne Giftmischerin Eva und ihre Opfer. Eine besondere Stärke des Romans besteht darin, dass die verschiedenen Handlungsstränge am Ende gekonnt zusammengeführt und zu einem glaubwürdigen Ende gebracht werden.
Dass der Roman trotzdem gerade in der ersten Hälfte Längen hat, liegt vor allem an der Eulenspiegelartigen Figur Listig, dessen Scherze zwar unterhaltsam, aber doch irgendwann recht gleichförmig sind. Erst als der Autor die Ausgewogenheit zwischen seinen Figuren herstellt und die Handlung konsequent voran treibt statt sich in Beschreibungen zu verlieren, gewinnt der Roman das gleiche Tempo, das zum Beispiel Die Hitzkammer zu einem außergewöhnlichen Leservergnügen machte. Zum Ende hin gelingt ihm sogar ein Reifeprozess der Hauptfigur, der ihr viel von ihrer früheren Schablonenhaftigkeit nimmt. So kann der Roman über weite Strecken überzeugen und man verzeiht ihm die kleinen Hänger in Aufbau und Figurenkonzeption.
Fazit: Anschaulicher Einblick in die Medizin des Mittelalters
Wolf Serno
Der Balsamträger
Droemer
462 Seiten, EUR 19,90
ISBN 3-426-19698-0