Das Familienunternehmen : Die Tochter meines Vaters
Im beschaulichen Kleinulsby bei Eckernförde führt F. Lauritzen sein Bestattungsunternehmen, welches er mit Blick in die Zukunft in der Nähe einer Neubausiedlung angesiedelt hat. Sein größter Wunsch ist es, dass seine Tochter Felizia, der man absichtlich einen Namen mit dem Anfangsbuchstaben F gegeben hat, damit das Fensterschild später nicht abgeändert werden muss, das Familienunternehmen übernimmt. Von Klein auf wird Felizia in die Verhaltensregeln und die Geschäftsabläufe des Familienunternehmens eingeführt und verbirgt sich so bereits als Grundschülerin hinter einem Loch in der Wand zum Beratungszimmer, um von dort die Kundengespräche ihres Vaters genauestens verfolgen zu können.
Auch ihre Garderobe wird von ihren Eltern so gewählt, dass sie möglichst unauffällig wirkt und praktikabel ist. Doch Felizia hat alles andere im Sinn als in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten, nach dem Abitur verlässt sie das elterliche Nest, um zu studieren. Doch bald merkt sie, dass das auch nicht das Richtige für sie ist und sie widmet sich einer ihrer Leidenschaften, die aus ihrer Jugendzeit stammen. Sie verdient ihr Geld indem sie anderen Leuten die Karten legt. Doch in ihrem Liebesleben läuft nicht alles bestens. Zum einen wäre da ihr "Freund", der nur ab und an mal bei ihr ist, dann der Nachbar, der immer bei ihr Trost sucht, wenn er sich gerade mit seiner Freundin gestritten hat und dann tritt auch noch ein Fremder in ihr Leben, der ihrem Traummann Cary Grant zum verwechseln ähnlich zu sein scheint.
Mareike Krügel verwebt gekonnt die verschiedenen Zeitebenen zu einem Gesamtkonzept. Indem sie abwechselnd Felizias aktueller Entwicklung ein passendes Gegenstück aus ihrer Kindheit entgegensetzt, zeichnet sie ein einfühlsames und deutliches Bild der jungen Frau, die ihrer vorgezeichneten Zukunft als Bestatterin zu entfliehen versucht, aber in ihrem tiefsten Inneren ihre Bestimmung doch nicht gänzlich verleugnen kann. Die Problematik, dass Kinder von ihren Eltern dazu angehalten werden, das Familienunternehmen weiterzuführen, anstatt sich selbst zu verwirklichen und zu erkennen, wozu man sich wirklich berufen fühlt, ist heutzutage ein sehr aktuelles Thema. Früher galt es als selbstverständlich, dass die Kinder in das Familienunternehmen einsteigen, doch heute ist das Streben nach Individuation stärker als jemals zuvor, und die Eltern müssen mit ansehen, wie das Geschäft, dem sie ihr ganzes Leben und ihre gesamte Energie gewidmet haben, verfällt.
Mareike Krügel greift in ihrem Roman diese Problematik deutlich auf und zeigt, wie schwer es ist, seine wirkliche Berufung zu finden, wenn man ständig von außen in eine bestimmte Richtung gedrängt wird. Besonders die alternierende Erzählperspektive, die beständig zwischen Vergangenheit und Gegenwart schwankt, machen den Roman zu einem absoluten Lesevergnügen.