Im Jahre 1348 in Basel geht die Jüdin Saphira ihrem einträglichen Geschäft als Federhändlerin nach. Aber obwohl sie einigermaßen angesehen ist, weiß sie doch, dass ihre Liebe zu dem christlichen Rittersohn Tam von Bärenfels keine Zukunft hat. Gerade hat sie beschlossen, sich in ihr Schicksal zu fügen und den Geliebten zu vergessen, als sie Tams bester Freund Christian in ihr Leben tritt.
Tam und Christian sind Freunde seit Kindertagen, obwohl sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Nicht nur gehören sie den beiden rivalisierenden Ritterfamilien Basels an, auch vom Charakter her gibt es kaum Ähnlichkeiten. Während Christian, der lebenslustige Rotschopf, jedem Weiberrock in Basel nachsteigt, ist der träumerische Tam ganz in seiner unerfüllbaren Liebe zu der Jüdin Saphira gefangen. Doch Saphira weiß, dass weder ihr Vater noch die Gesellschaft diese Liebe tolerieren werden, und so zieht sie sich von Tam zurück. In seiner Verzweiflung bittet der seinen erfahreneren Freund Christian, zwischen ihm und Saphira zu vermitteln. Das Ergebnis dieses Treffens ist eine ungewollte Schwangerschaft.
Während die drei jungen Leute mit ihren verwirrten Gefühlen zurecht kommen müssen, strebt Tams Vater, der derzeitige Bürgermeister Basels, rücksichtslos die Vergrößerung seiner Macht an. Da er bei Saphiras Vater hoch verschuldet ist, beschließt er, die Juden aus der Stadt zu vertreiben. Mit geschickt ausgestreuten Verdächtigungen hetzt er das Volk auf. Bald ist die Angst vor der Pest in allen Köpfen fest verankert. Womit Konrad nicht rechnet, ist, dass seine leichtfertigen Beschuldigungen grausame Wahrheit werden...
Autor Titus Müller entführt die Leser mit seinem Roman Die Todgeweihte in das mittelalterliche Basel in bewegte Zeiten. Vor der historischen Kulisse entspinnt sich ein Drama um Intoleranz und Liebe, um Verantwortung und Verrat, an dem jeder Freund historischer Romane seine helle Freude haben wird. Dass trotzdem ein gemischter Eindruck beim Lesen entsteht, liegt daran, dass der Autor seine Möglichkeiten nicht ganz auszuschöpfen scheint. Der Roman bleibt immer wieder zwischen überraschend vielschichtigen Ansätzen und der Widergabe bekannter Klischees stecken. So klingen gerade Konrads Hetzparolen recht oberflächlich und geben das wider, was man schon in seinen alten Schulbüchern gelesen hat. Dem gegenüber stehen aber auch Momente von großer inhaltlicher und sprachlicher Intensität, die den Leser mit allen Sinnen in das Mittelalter entführen.
Eine ähnliche Unstimmigkeit gilt auch für die Charaktere der Hauptfiguren. Einerseits legt Müller Wert darauf, seine Helden Saphira und Tam nicht als strahlende, fehlerlose Übermenschen erscheinen zu lassen. Das gelingt besonders durch den zwiespältigen Antihelden Christian überzeugend, und die verwirrten Gefühle machen die Figuren sympathisch und glaubwürdig. Trotzdem bleibt zwischen Leser und Figuren bis zuletzt eine unsichtbare Barriere, die ein Aufgehen in der Geschichte letztlich verhindert. Zu sehr bleiben die Charaktere in bekannten Schablonen stecken, zu erwartet ist schließlich auch die Auflösung des Konfliktes. Unterm Strich ist Die Todgeweihte ein spannendes, auf angenehme Weise beinahe altmodisches Buch um Liebe und Verrat, das auf den letzten Seiten auch die historische Recherche des Autors offen legt und so zusätzliche Glaubwürdigkeit erhält.
Fazit: Gut recherchierter Historienroman - ansprechend aber nicht bahnbrechend
Titus Müller
Die Todgeweihte
Aufbau Verlag
400 Seiten, EUR 8,95
ISBN 3-7466-2180-1