Hunderte, ja tausende riesige amphibische Kannibalen, den trügerisch idyllischen Fluten des Meeres entstiegen, greifen Nacht für Nacht den Leuchtturm an. Verzweifelt wehren sich die Männer mit allem, was ihnen an Waffen zur Verfügung steht. Doch unaufhaltsam rollt Welle um Welle der Monster an, um das Schicksal der Kämpfer zu besiegeln. Als nach einem Jahr die Ablösung eintrifft, bleibt diese entsetzt und erschüttert vor den angerichteten Verwüstungen stehen. Dem Kapitän entfährt die Frage: "Welche Naturkatastrophe hat denn hier geherrscht? Ein Erdbeben? Ein Vulkanausbruch oder vielleicht ein Wirbelsturm?"
Doch der Anfang des Romans gaukelt dem ahnungslosen Hörer vor, es hier mit einer typischen Aussteiger Geschichte zu tun zu haben. Der frustrierte Ich-Erzähler, ein abtrünniger Kämpfer der IRA auf der Flucht vor seinen Gesinnungsgenossen, hat sich als Zuflucht eine kleine Insel in der Nähe des Südpols ausgesucht. Hier soll er den derzeitigen Meteorologen ablösen und ein Jahr lang Wetterdaten sammeln. Doch bei der Ankunft findet sich von seinem Vorgänger keine Spur. Auch ein Besuch bei dem einzigen weiteren Bewohner der Insel, dem Leuchtturmwächter Batis Caffo, bringt kein Licht in die mysteriöse Angelegenheit. Doch schon in der darauf folgenden Nacht wird klar, was mit dem Vorgänger geschah: es erfolgt ein Angriff von unbeschreiblich grauenhaften Amphibien, den er nur mit Mühe und Not überlebt.
Als er sich am nächsten Tag um Hilfe an Batis wendet, verweigert er diese.
Der Wetterkundler gelangt durch einen Zufall an eine "Waffe", die ihm Zugang zum Leuchtturm gewährt. Doch schon am ersten Abend im Leuchtturm wird er gewahr, dass dieser nur vermeintlich Schutz bietet und mehr einem Gefängnis ähnelt.
Aller guten Dinge sind drei?
Was wie ein Kammerspiel anmutet, entwickelt sich im Laufe der Geschichte zu einer Menage á trois. Dabei erfahren wir nie etwas aus der Sicht der dritten Person, sondern nur aus zweiter Hand und sind dabei der Gefahr ausgeliefert, dass der Ich-Erzähler bewusst Tatsachen verdreht, verschweigt oder hinzufügt. Erst am völlig überraschenden Ende des Romans wird offenbart, welche Fehler der Protagonist anfangs beging, welcher nun zu dem unausweichlichen Finale führt. Perfekt führt uns Pinol während der ganzen Geschichte an der Nase herum, richtet unser Augenmerk auf ach so wichtige Details, so dass man vermeintlich unwichtige Einzelheiten einfach überhört. Der Plot ist von einer mitreißenden Dynamik, hat "einen Rhythmus, dass man einfach mit muss" und lässt dem Hörer wenig Zeit zum Atemholen. Diese stetig steigende adrenalinfördernde Spannungskurve hält tatsächlich bis zum letzten Satz des Romans an und man ist geneigt, sofort wieder die erste CD einzulegen, ein Reflex, der heutzutage leider nur allzu selten ausgelöst wird. Einige kleinere stilistische Merkwürdigkeiten wie z. B. "eine seltene Auster" können auch Unstimmigkeiten der Übersetzung sein.
Atavismus
Pinols Debüt-Roman erinnert an berühmte literarische Vorbilder wie z. B. Defoes "Robinson Crusoe" oder H.P. Lovecrafts "Alte Rasse" des Cthullu-Mythos. Dabei nutzt er den Bekanntheitsgrad der Vorbilder geschickt aus, um den Hörer auszutricksen. So stellt sich der Hörer bereits nach kurzer Zeit die Frage, wer den nun von den beiden Inselbewohnern Robinson und wer Freitag ist, da die zunächst offensichtliche Rollenverteilung nicht mit den Handlungen der Protagonisten übereinstimmt. Der Kampf nimmt eine große Rolle in seinem Werk ein. Jede Seite hat ihre Gründe für das sinnlose Morden, die der Ich-Erzähler auch tapfer vorträgt, allerdings gibt es erhebliche Diskrepanzen zwischen angeblicher Motivation und erfolgter Tat. So ruft Batis nach geschlagener Schlacht beispielsweise "Ich bin kein Mörder!" Oder geht es hier sogar um den Kampf der Geschlechter mit unterschiedlichen Mitteln, der aber genau so brutal und ohne Pardon geführt wie der Kampf der Männer gegen die Amphibien-Monster? Ob mit oder ohne intertextuelle Deutungen: Pinols Roman ist eine großartige Abenteuergeschichte, die bis zum fulminanten Schluss ausgezeichnet unterhält.
Gut gebrüllt Löwe
Selten wurde letzthin ein Hörbuch so subtil vorgetragen wie diese vollständige Lesung von Bernd Michael Lade. Er klingt wie ein junger, desillusionierter Bursche, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts danach strebt, nach dem Zusammenbruch seines Weltbildes neu Fuß zu fassen und sich deshalb ein Jahr Auszeit gönnt. Da nur wenige Personen auftreten, kann er sich völlig auf den Text konzentrieren und muss nicht einen Teil seiner stimmlichen Ressourcen für die Unterscheidbarkeit der Protagonisten aufwenden. Er nimmt diese Chance wahr und bringt jede auch noch so versteckte Nuance im Roman zum Klingen. Dies verstärkt die Spannung, die Plastizität, den Horror und audiophile Wucht der emotionalen Kämpfe, die die beiden Europäer überstehen müssen, um zu überleben.
Fazit: Wendungsreiche, spannende, mit ein paar Horrorschnipseln gespickte moderne Robinsonade, die den Hörer bis zum Schluss am Kopfhörer kleben lässt. Die Auflösung des Plots lässt einem den Atem stocken, ist dabei logisch, eiskalt und zeugt davon, dass man selbst auf einer Insel mit nur zwei Bewohnern nicht vor bösen Überraschungen sicher ist.