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Extrem laut und unglaublich nah PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Wolfgang Haan, am 05-12-2005 12:34
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Favoriten 19

Jonathan Safran Foer - Extrem laut und unglaublich still - Weiterlesen!We all live in a Yellow Submarine
Alexander Khuon liest "Extrem laut und unglaublich nah" von Jonathan Safran Foer


Surrealismus

Auf einer weißen Fläche ist eine schwarze, offene Hand abgebildet, auf der in weißen Buchstaben der Name des Autors und der Titel seines neuesten Buches geschrieben stehen: "Jonathan Safran Foer - Extrem laut und unglaublich nah". Dieses Bild weist eine erstaunliche Ähnlichkeit zu einem Filmplakat des Jahres 1931 auf.
Auf diesem ist eine zur Klaue gekrümmte schwarze Hand vor einem hellen Hintergrund zu sehen, auf dessen Handfläche der einzelne, strahlend weiß geschriebene Buchstabe "M" prangt, Titel des gleichnamigen Films "M - Eine Stadt sucht einen Mörder", dessen Regisseur der innovative und dem deutschen Surrealismus verbundene Fritz Lang war.

Experimentell und surrealistisch wirkt auch Foers neuer Roman. Seine Geschichte wird aus der Sicht des neunjährigen Oscar Schells erzählt, dessen Verwandtschaft mit Oskar Matzerath, Held in "Die Blechtrommel", unübersehbar ist. Oskars Vater starb bei den Terroranschlägen vom 11.09.2001 auf das World Trade Center und Oskar versteht nicht, warum gerade er. Als er ein Jahr nach dem Tod seines Vaters in einer Vase einen geheimnisvollen Schlüssel findet, glaubt er, dies sei eine Botschaft seines Vaters Thomas, die es zu entschlüsseln gilt. Er macht sich auf, alle Familien mit Nachnamen "Black" in New York aufzusuchen und hofft, dass ihn der Schlüssel letztendlich zu seinem Vater führt.
Die Beschreibung der Stadt, ihrer Einwohner und Sehenswürdigkeit erinnert häufig an Paul Austers "New York Trilogie" oder an Irvings "Garp und wie er die Welt sah". Außerdem ist die Verwandtschaft des Tamburin spielenden Oscar Schells zum blech-trommelnden Oskar Matzerath unübersehbar.

Schwarz-Weiß-Malerei

Foer vereinigt in seinem Roman völlig gegensätzlich Komponenten zu einem erstaunlich homogenen Ganzen. Lassen Sie mich dies, lieber Hörer, an dem simplen Beispiel der beiden Farben Schwarz und Weiß demonstrieren. Oscar trägt prinzipiell nur weiße Kleidung und interessiert sich für Schwarze Löcher. Sein Vater Thomas korrigiert jeden Tag die mit Druckerschwärze bedruckte Times, liebt aber die Beatles, die eine LP veröffentlichten, die nur "Das weiße Album" genannt wird. Der Großvater Thomas hat auf seinen weißen Handflächen die Worte "Ja" und "Nein" eintätowiert und kommuniziert mit seiner Umwelt mittels eines Blocks, auf die er seine Nachrichten schreibt. Die sehr ansprechend gestaltete und stabile Schmuckbox bildet folgerichtig auf weißem Grund eine schwarze Hand ab, auf die wiederum in weißen Lettern der Name des Autors und des Buches stilisiert sind.

Kaum ein Track, in dem man nicht Schmunzeln muss, denn Oskar trifft bei seiner Suche auf die merkwürdigsten Personen, die wiederum alle ausgefallene Geschichten zu erzählen wissen. Aber auch Oskars Kommentare oder Erfindungen entbehren nicht der Komik so z. B. als er von Ringo Starr einen Dankesbrief erhält für das ihm gemachte Geschenk: "Explosionssichere Trommelstäbe". Eine der urkomischsten Szenen ist der Auftritt Oskars bei der Schüleraufführung von "Hamlet": Oskar steigert sich in einen alternativen Text hinein, der damit endet, dass er brausenden Szenen-Applaus erhält. Nachdem der Sprecher Alexander Khuon eine kleine Pause eingelegt hat, geht die Geschichte weiter mit: "Das wäre super gewesen - stattdessen …".

Terror und Krieg

Foer schildert in seinem Roman aber auch eindringlich die Schrecken des Terrorismus und des Krieges und die Folgen für die Menschen. Grauenhafte Bilder von Terroropfern umgeben uns täglich in TV, Zeitungen etc. und das dargestellte Leid vermag fast nicht mehr zu uns durchzudringen. In seinem Roman personifiziert er die Opfer. So schildert z. B. Oskars Großvater in einfachen, dafür umso eindringlicheren Worten die Bombardierung Dresdens. In dieser Nacht verliert er seine Familie, seine schwangere Geliebte und seine Sprache. Für eine Hausarbeit bringt Oskar einen Augenzeugenbericht der Atombombenzündung in Hiroshima mit, deren Bilder man nicht so leicht vergisst. Oskars Gedanken kreisen, auch zwei Jahre nach dem Anschlag, fast immer um den Verlust seines Vaters, den er nicht verstehen kann und ihn überfallen Panikattacken, wenn er in einem Restaurant jemanden mit einen Kopftuch oder irgendwo ein verlassenes Gepäckstück sieht. Das Benutzen von Fahrstühlen oder öffentlichen Verkehrsmitteln mit Ausnahme von Taxen ist ihm unmöglich.

Oskar spielt Tamburin - Jonathan jongliert mit Worten …

Jonathan Safran Foer ist ein Virtuose der Sprache. Egal, ob es sich um große Emotionen wie z. B. die wunderschön beschriebene Vater-Sohn-Beziehung, um temporeichen Wortwitz bzw. Situationskomik oder um Schilderungen menschlicher Tragödien handelt, er spielt sicher und gewandt mit allen Möglichkeiten der Sprache. Und er ist ein Optimist: immer finden seine Protagonisten einen Weg, sich verständlich zu machen, miteinander Kontakt aufzunehmen und ihn zu halten. Oskar wirkt hier teilweise wie ein Katalysator, in dem er vergessene, verlassene und vereinsamte Menschen trifft, sie ihre Geschichte erzählen lässt und diese Menschen zusammenführt wie etwa bei seinem Auftritt in der Schüleraufführung, bei der ein Großteil des Premierenpublikums aus Menschen besteht, deren einzige Gemeinsamkeit der Nachname ist: "Black". Der Plot wirkt jedoch nie unglaubwürdig, die Wendungen nie aufgesetzt und seine brillante Geschichte strotzt nur so von Humor und Zweideutigkeiten.
Für alle Freunde ausgefallener Charaktere, irrwitziger Dialoge und subtiler Hommagen führt an diesem Hörbuch kein Weg vorbei.

... und Alexander verleiht dem Ganzen seine Stimme

Wie ein begeisterter Jugendlicher klingt Alexander Khuons Stimme zu Beginn des Hörbuches und verleiht damit Oscar die angemessene Stimmlage. Überhaupt ist Oscar eher ein ruhiger, sanftmütiger, nachdenklicher und höflicher Junge, glaubt man zumindest der Stimme Khuons. Doch blitzschnell wechselt das Timbre und die Lautstärke, wenn Oskar einen seiner Wutanfälle bekommt oder seiner hysterisch-schrill Mutter vorwirft "Wenn du zwischen uns wählen könntest, dann wäre es mir passiert!" Aber überraschenderweise bereitet ihm auch die Individualisierung der anderen Charaktere keine Schwierigkeit. Ganz im Gegenteil gefallen mir gerade die Passagen am besten, die Oscars Großvater betreffen. Der erlittene Schmerz, die Ängste, der Verlust der Worte, die Haltlosigkeit - all dies vermag Alexander Khuon dem Hörer zu vermitteln. Wenn er mit leiser, stockender, sachlicher Stimme vom Leben in Dresden und Amerika berichtet, spürt man förmlich seine Unfähigkeit, seine unterdrückten Ängste und Sehnsüchte anderen mitzuteilen und dies liegt nicht daran, dass er die Worte verloren hat, sondern das es für ihn nicht mehr möglich ist, über etwas mit Menschen zu reden, dass er so erfolgreich vor sich selbst versteckt.

Die 6 CDs werden in einer grafisch schön gestalteten Schmuckbox ausgeliefert, in denen sich auch ein ausführliches und informatives Booklet befindet. Durch die Unterbringung in dieser Box sind die CDs optimal geschützt und sind gleichzeitig ein Blickfang jeder Hörbuchsammlung. Es wäre schön, wenn andere Hörverlage dieser fast perfekten Aufmachung folgen würden.

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  • Letztes Update: 09-12-2005 10:13

    Veröffentlicht in : Hörbuch, Belletristik
    Schlüsselworte : Hörbuch, Belletristik, Extrem laut und unglaublich nah, foer, safran, jonathan, jonathan safran foer
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