Eine grüne Wolke senkt sich über die Erde und versteinert alles menschliche Leben. Nur eine Gruppe englischer Schulkinder ist mit ihrem Lehrer und einem exzentrischen Millionär aus Amerika der Vernichtung entkommen. Der Kampf ums Überleben, der sich nun entspinnt, ist ebenso komisch wie grausam, denn von nun an geben sich Räuber, Löwen, Tiger und Sträflinge in der verlassenen Schule die Klinke in die Hand.
Es gibt wohl keine Kunst, die schwieriger zu beherrschen ist, als die, einer Gruppe Neunjähriger eine Geschichte zu erzählen, die Gnade vor ihren Augen findet. Diese Erfahrung muss auch Lehrer Neill machen, als er dem Wunsch seiner Schüler nachkommt, eine "richtig spannende Endzeitgeschichte" zu erfinden. Immer wieder wird seine Erzählung Die Grüne Wolke von den unmutigen Zuhörern unterbrochen, die Änderungen verlangen, neue Vorschläge einbringen oder einfach finden, dass die Geschichte "doof" ist. Und so entspinnt sich eine wahnwitzige Erzählung um Mord und Totschlag, Heldenmut und Ideenreichtum, U-Boote, Luftschiffe und den allerletzten Menschen.
Der englische Kinderbuchklassiker Die Grüne Wolke enthält wirklich alles, was Kinder lieben und politisch korrekten Eltern die Haare zu Berge stehen lässt. Die Geschichte entstand nach Aussagen des Autors aus dem Wunsch heraus, eine Gutenachgeschichte zu erzählen, die bei vorlesenden Eltern keine Gähnkrämpfe wegen der moralisch und pädagogisch angemessenen Botschaften hervorruft und die Kindern trotzdem Spaß und Spannung bietet. Damit erinnert Neill an die subversiv angehauchten, frechen Kinderbücher von Roald Dahl oder Roddy Doyle.
Wenn man die Diskussionen um grausame Cartoons und Videospiele betrachtet und bedenkt, dass sogar Grimms Hausmärchen inzwischen von vielen als bedenklich eingestuft werden, dann ist die grüne Wolke ein Schlag ins Gesicht. Schüler fallen mit Vergnügen mit Hacke und Meißel über ihre versteinerten Lehrer her, um "Anatomiestudien zu betreiben", sie durchstreifen eine Welt, die ihnen buchstäblich alleine gehört, treffen auf Deutsche mit Namen Fritz Apfelkuchen und liefern sich blutige Schießereien mit Tigern und ein paar Räubern, die zufällig auf dem Himalaya überlebt haben.
Dass diese Geschichte von diesem Mann kommt, ist kein Wunder, ist A. S. Neill doch der Begründer der legendären - und realen - Schule von Summerhill, die in den zwanziger Jahren vollkommen neue Wege ging und der Überzeugung ihres Gründers Rechnung trug, dass eine klassische Ausbildung nur seelisch und geistig Deformierte hervorbringen kann. So setzte die Summerhill School auf ein antiautoritäres Erziehungsmodell, das auf Respekt vor Erziehern ebenso verzichtete wie auf regelmäßige Unterrichtszeiten, Klassenräume oder Lehrpläne.
Und als wäre das alles nicht Grund genug zur Sorge, wird Die grüne Wolke von Harry Rowohlt gesprochen, einem begnadeten Vorleser und erklärten Feind jeglicher Form von Anpassung. Mit seiner Reibeisenstimme erweckt er die haarsträubenden Abenteuer der Kinder, die er auch selber übersetzt hat, zu neuem Leben, verschmilzt gekonnt mit dem halb-fiktiven Erzähler Neill, der nicht nur die Spannung aufrecht erhält sondern auch mit sichtlichem Genuss die ironischen Momente herausarbeitet.
Fazit: Intelligente Interpretation eines Kinderbuchklassikers für Alt und Jung