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Nachschlagewerke auf CD-Rom PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Jörg von Bilavsky, am 16-09-2005 15:40
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Nachschlagewerke auf CD-RomBürgerlicher Zeitgeist - Historische Lexika digital neu aufgelegt

Wenn die Multimedia-Lexika von Bertelsmann, Brockhaus oder Microsoft als DVD- oder CD-ROMs in den Laufwerken rotieren, ist die Hölle los. Es flimmert und flackert auf den PC-Bildschirmen, es piepst und posaunt aus den PC-Lautsprechern. Ganz anders bei den Enzyklopädien des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die seit kurzem die Monitore der Bildungshungrigen erobern. Ihr schlichtes Layout und ihre fein gezeichneten Stahlstiche beruhigen die Sinne und lenken die Aufmerksamkeit des Lesers auf den teils amüsanten, teils anregenden, in jedem Falle aber aufschlussreichen Wissensfundus vergangener Zeiten. Drei Glanzstücke der Lexikographie

Diese Wissensquellen haben die digitalen Ordnungshüter von Directmedia angezapft und für den Nutzer äußerst bekömmlich aufbereitet. Als Faksimiles und als Transkriptionen bereichern nun drei Glanzstücke der Lexikographie die mittlerweile auf über hundert Bände angewachsene Digitale Bibliothek: Das bereits im letzten Jahr erschienene "Große Konversations-Lexikon" aus dem Hause Meyer in der 6. Auflage (1905-1909) mit über 10.000 Abbildungen aus allen Wissensgebieten. Das von dem Schriftsteller und Journalisten Carl Herloßsohn herausgegebene "Damen Conversations Lexikon" aus den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts, welches mit zahlreichen unbekannten Frauenbiographien aufwartet. Und die 4. Auflage von "Pierer's Universal-Lexikon" (1857-1865), das seinerzeit den Brockhaus inhaltlich wie systematisch in den Schatten stellte. Dank der Digitalisierung dieser vielbändigen Werke ist nun der Besuch einer Universitätsbibliothek oder der Kauf der seltenen Ausgaben im Antiquariat überflüssig geworden.

Trotzdem zielen diese ambitionierten Verlagsprodukte weiterhin auf den besser verdienenden und medial aufgeschlossenen Teil des Bildungsbürgertums. Die aktualitätsgläubigen wie stichwortsüchtigen Wissens-Jäger und Wissens-Sammler des Onlinezeitalters werden bei Directmedia mit der CD-ROM-Version von Wikipedia versorgt. Doch auch sie könnten an den historischen Nachschlagewerken Gefallen finden. Denn die parallele Betrachtung der Lexika aus verschiedenen Zeiten demonstriert die Herausforderungen und Besonderheiten enzyklopädischen Arbeitens. Aber auch die Veränderlichkeit und Vielschichtigkeit, die Zeit- und Schichtengebundenheit des Wissens.

Verschüttetes Wissen

Pierer's UniversallexikonGerade die Erkenntnis, das alles Wissen relativ ist, lädt bei solchen Lexika zum geistvollen Schmökern ein. Der Vergleich des fremden historischen Wissensrepertoires mit dem vertrauten aktuellen ist dabei ebenso spannend wie die Suche nach heutzutage völlig unbekannten Stichwörtern wie sie beispielsweise im Pierer zu finden sind:

Stinknase (Nasengestank), eigene Belästigung in katarrhalischen u. anderen Nasenaffectionen, an denen auch der Geruch Theil nimmt, od. eine Beschwerde für Andere der näheren Umgebung bei bösartigen Nasengeschwüren, wobei wohlriechende Schnupftabake u. ähnliche Mittel, in die Nase gezogen, das Übel etwas vermindern.
[Lexikon: Stinknase. Pierer's Universal-Lexikon, S. 215627 (vgl. Pierer Bd. 16, S. 838)]


Und auch bei gängigen Lemmata stößt man auf Einiges, was in modernen Lexika aus Platzgründen oder aufgrund veränderter Auswahl- und Darstellungskriterien nicht mehr zu finden ist. Dass die Guillotine in ähnlicher Form bereits 1268 bei der Enthauptung des letzten Hohenstaufers, Konradin von Schwaben, zum Einsatz kam, will weder die aktuelle Brockhaus-Enzyklopädie noch das Internet-Lexikon Wikipedia wissen. Da werden die zart besaiteten Leserinnen des "Damen Conversations Lexikon" in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch umfassender informiert.

Bürgerlicher Wertehorizont

Die historischen Lexika zeigen aber zugleich den Wertehorizont des aufstrebenden Bürgertums im 19. Jahrhundert auf. Verschiebungen und Verfestigungen des bürgerlichen Meinungsbildes in sozialen, politischen und kulturellen Fragen lassen sich an diesen drei Kompendien des allgemeinen Wissens besonders deutlich ablesen. Nicht zuletzt deshalb, weil sie allesamt wenige Jahre vor oder nach historisch bedeutenden Zäsuren erschienen sind. So urteilt das konservative "Damen Conversations Lexikon" unter dem Stichwort "Europa (Geschichte)" über die Julirevolution von 1830:

"Nur auf kurze Zeit wurde durch die Julirevolution Europa's Friede gestört und Alles in bange Besorgniß gestürzt. Aber unter der Leitung weiser Fürsten beruhigten sich die Elemente, die brandenden Wogen verliefen und der Regenbogen des Friedens glänzte von Neuem am Himmel."

Der liberale Pierer äußert sich nach der gescheiterten Revolution von 1848 bei aller Sachlichkeit wesentlich positiver über dieses historische Ereignis auf und verzeichnet unter dem Stichwort "Deutschland":

"Die Erfolge der Pariser Julirevolution 1830 belebten von Neuem die Wünsche u. Hoffnungen der mit den bestehenden Zuständen in D. Unzufriedenen. Außer Braunschweig, wo sogar der Herzog Karl vertrieben u. sein Bruder Wilhelm auf den Thron gerufen wurde (was der Bundestag sanctionirte), waren namentlich Sachsen, Hessen-Kassel u. Altenburg von der politischen Bewegung ergriffen, u. die Herrscher sahen sich zur Verleihung von Repräsentativverfassungen genöthigt."

40 Jahre später steht das von Bismarck geeinte Deutsche Reich in voller Blüte: Dank eines ökonomisch potenten, politisch aber relativ machtlosen Bürgertums, das im Meyer unter dem gleichen Lemma die liberale Bewegung des Vormärz' gegenüber den "reaktionären Staatsmännern" verteidigt:

"Wo dem politischen Fortschritt, in dem Worte "liberal" verkörpert, gehuldigt wurde, da nahm man sich ein Vorbild an den französischen Liberalen, deren Bestrebungen und Ideen namentlich in Süddeutschland maßgebend waren. Die Pariser Julirevolution von 1830 gab denn auch in D. den Anstoß zu einer liberalen und unitarischen Bewegung. ... Die reaktionären Staatsmänner gerieten schon in die höchste Unruhe... Vereinigungen politischen Charakters und alle Volksversammlungen wurden verboten und die bestehenden liberalen Zeitungen unterdrückt."

Zunehmend objektiv

Trotz dieser Parteinahmen nimmt das Bemühen um Objektivität und lexikalische Kürze im Laufe der Zeit weiter zu. Während Herloßsohn in seinem Lexikon bewusst die "weiblichen Interessen in's Auge" fasst und bisweilen einen höchst tendenziösen wie schwärmerischen Ton anschlägt, liegt mit dem Pierer eine wissenschaftlich abwägende wie sprachlich präzise Enzyklopädie vor, die mit einem sehr komplexen Verweissystem versehen ist. Das Frauenbild des Pierer trägt allerdings weiterhin konservative Züge, wie ein Blick in den Artikel "Weib" beweist:

"In psychischer Beziehung überwiegt bei dem W-e die Gefühlsseite. Während die Handlungsweise des Mannes durch Grundsätze, welche aus Überlegung u. Vernunftschlüssen hervorgehen, bestimmt wird, folgt das W. im Leben mehr ihren Gefühlen u. einem instinctmäßigen Empfinden des Schicklichen u. Schönen, welches nebst einem sehr oft hervortretenden Scharfsinn u. schnelleren Überblick der Verhältnisse dasselbe richtig leitet; während der Mann vermöge seiner höhern Geistes- u. Körperkraft den Kreis seines Wirkens über die Grenzen seines Hauses u. seiner Familie hinaus zu erweitern strebt u. nur als nützliches Glied der Staatsgesellschaft einen größern od. geringern Werth sich erringt, ist das W. auf ihr Haus angewiesen, kann in diesem Kreise als Hausfrau u. Mutter das Bild ihres ganzen Geschlechts repräsentiren, das höchste Ziel erreichen, welches die Natur dem ganzen Geschlechte vorgesteckt hat, u. findet im Besondern u. im engern Kreise sein Glück, seine Bestimmung".

Der Meyer aus dem frühen 20. Jahrhundert schenkt der "Frauenfrage" zwar bereits mehrere Spalten Aufmerksamkeit, kommt aber zu dem wenig aufgeklärten Schluss, dass an eine soziale und wirtschaftliche Gleichstellung des weiblichen Geschlechts ebenso wenig zu denken sei wie an eine politische:

"Das auf politische Gleichberechtigung gerichtete Verlangen entspringt weniger einem praktischen Bedürfnis als einer theoretischen Anschauung von zweifelhaftem Werte. Die geistige Individualität der Frau sowie das bei ihr vorherrschende Gemütsleben lassen sie für eine tätige Teilnahme am öffentlichen Leben wenig geeignet erscheinen."

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Seinen fortschrittlichen Charakter stellt "Meyers Großes Konversations-Lexikon" vielmehr auf naturwissenschaftlichem und technischem Gebiet unter Beweis, wo er mit äußerst exakten Zeichnungen und Beschreibungen für Historiker noch immer eine wertvolle Quelle darstellt. Aber auch dem interessierten Laien tritt durch die zahlreichen Abbildungen die Welt der Jahrhundertwende plastisch vor Augen. Solche Einblicke bleiben den Benutzern des "Damen Conversations Lexikons" und des Pierer's verwehrt, da die Reproduktion und der Druck solcher Zeichnungen erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts für die Verleger finanzierbar wurden.

Gleichwohl eröffnet erst die Lektüre der Artikel diese unbekannten Welten, die mit der Software "Digibib 4" bequem zu durchschreiten sind. Neben den komfortablen Kopier-, Sortier- und Druckfunktionen bietet diese Softwareversion nun auch die Möglichkeit, mehrere Bände parallel zu nutzen, was bei der Benutzung solcher Lexika besonders reizvoll ist. Vorausgesetzt allerdings, der heimische Computer besitzt genügend Speicherkapazität, um den Inhalt der Bände komplett zu archivieren. Die Sammler der Digitalen Bibliothek sollten deshalb über kurz oder lang an den Kauf eines größeren Datenspeichers denken. Allein der Meyer frisst 9 Gigabyte auf der Festplatte.

Bei solch riesigen Datenmengen bleibt es nicht aus, dass sich im digitalisierten Neusatz auch Schreibfehler einschleichen. Ein Abgleich mit dem Faksimile ist per Mausklick jederzeit möglich. Wer korrekt zitieren will, sollte sich diese geringfügige Mühe machen. Leider wird der wissenschaftlich ambitionierte Nutzer auch nicht davon befreit, das Erscheinungsjahr des jeweiligen Lexikonbandes anderweitig nachzuschlagen. Doch das sind nur Petitessen, die den "normalen" Nutzer nicht zu stören brauchen. Für beide Zielgruppen wäre es allerdings wünschenswert gewesen, die in den Lexikonartikeln aufgeführten Verweise per Link zum Leben zu erwecken und ein direktes Weiterklicken zum korrespondierenden Lemma zu ermöglichen. Solche Hinweise kann das Team von Directmedia vielleicht bei der Digitalisierung von "Zedlers Universal-Lexicon" (1732-1754) berücksichtigen. Das 750.000 Artikel und 62.571 Seiten umfassende Monumentalwerk barocker Gelehrsamkeit würde der Digitalen Bibliothek alle Ehre und den Lexikonbegeisterten eine außerordentliche Freude machen.

Fazit: Wissen zum Schmökern, Staunen und Studieren.

Redakteur: Jörg von Bilavsky

Meyers UniversallexikonMeyers Großes Konversationslexikon
ISBN
3-89853-500-2
EUR 240,00

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Pierer's Universal-LexikonPierer's Universallexikon
ISBN
3-89853-515-0
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Damen Conversations LexikonDamen Conversations Lexikon
ISBN
3-89853-518-5 
EUR 45,00

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Letztes Update: 06-12-2005 14:23

Veröffentlicht in : Magazin, Specials
Schlüsselworte : Magazin, Specials, Nachschlagewerke auf CD-Rom, historisch, lexikon, lexika, konversations-lexikon, universal-lexikon, conversations-lexikon
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