Zur einbändigen Ausgabe von Uwe
Johnsons Jahrestage
von Holger Helbig
Es könnte alles so einfach sein. Die Jahrestage sind in einem
Band erschienen, eins der großen, ja monumentalen Bücher des
20. Jahrhunderts. Erzählt wird an 366 aufeinanderfolgenden
Tagen der Jahre 1967/68 die Geschichte einer deutschen
Familie. Tag für Tag berichtet die Mutter der Tochter, wie es
war, als Großmutter den Großvater nahm, damals in
Mecklenburg. Die beiden befinden sich in New York, zur
zeitlichen Distanz kommt die räumliche. Dennoch betreffen die
erzählten Ereignisse Mutter und Tochter ganz unmittelbar, denn
ihr Leben in New York ist sozusagen die Fortsetzung der
Geschichte.
Tatsächlich hat das Buch etwas von einer Familiensaga. Zwar
sind die Verästelungen des Stammbaums überschaubar, doch
fehlt kaum etwas von den Zutaten, die das Genre ausmachen:
Liebe auf den ersten Blick, die Heirat, der Standesdünkel in der
Provinz, eine anrührende Vater-Tochter-Geschichte, religiöse
Verirrung der Mutter, ihr Selbstmord, politische Dramatik von
weltgeschichtlichem Zuschnitt, Intrige, Emporkömmlinge,
falsche und verläßliche Freunde, der schwierige Frieden und
eine zweite Liebe, die mit verhaltener Dramatik an die Wunde
einer ganzen Nation rührt. Das Kind Marie hat seinen Vater nie
gesehen, was es von ihm weiß, weiß es aus dieser Geschichte.
Es ist keine Saga. Der Roman ist mit einer Genauigkeit
recherchiert, die jedem Geschichtsbuch zur Ehre gereichen
würde. Die Verfolgung und Ermordung der Juden wird als
zentrales Problem für das Selbstverständnis der Deutschen,
moralisch und politisch, dargestellt. Der Roman behandelt die
Frage der Schuld, er fragt nach der geschichtlichen
Verantwortung des einzelnen. Seine erzählerische Konstruktion
ist ebenso raffiniert wie komplex, das Erzählen selbst erscheint
ebenso problematisch zu sein wie der Vorgang der
Überlieferung. Dadurch wird eben jene Illusion unterlaufen, die
in der Bezeichnung Saga anklingt: die Totalität eines
Ereignisses, eines historischen Verlaufs sei durch Erzählen
erfaßbar. Der Roman hat - dennoch - ein großes
identitätsstiftendes Potential. Er verdankt es der Aufrichtigkeit
des Erzählens und dem sprachlichen Zauber. Das eine ist vom
anderen nicht zu trennen. Ganz gleich, in welcher Ausgabe, ist
es eins der Bücher, die zu lesen ein Erlebnis ist. Es ist jeder
Leseratte ebenso zu empfehlen wie allen jungen Autoren, die
mit dem deutschen Fräuleinwunder nichts anzufangen wissen.
Es gibt keine besseren Bücher als die, aus denen die
Schriftsteller lernen und abschreiben. Die Jahrestage sind ein
solches Buch.
Es ist aber nicht so einfach, denn nicht alle Ausgaben sind
gleich geeignet. Die nun vorliegende einbändige Ausgabe trägt
den Ansprüchen, die der Roman stellt, nur sehr bedingt
Rechnung. Sie unterscheidet sich durch in vier Veränderungen
von ihren beiden Vorgängerinnen im Suhrkamp-Verlag.
Erstens sind die Druckfehler der vergangenen Ausgaben
verbessert worden. Das war bereits von Auflage zu Auflage der
Fall und ist auch dieses Mal stillschweigend erfolgt. Zweitens
hat man eine Kopfzeile eingeführt, die das Datum des Tages,
an dem erzählt wird, enthält. Diese auffällige Veränderung ist
eine Kompensation für die dritte Veränderung: die der
Seitenzahl. Und viertens ist ein Stück Text verschoben worden,
aus etwa der Mitte des Romans an sein Ende.
Uwe Johnsons Jahrestage lagen bei Suhrkamp bisher in vier und
in zwei Bänden vor. In diesen Ausgaben hatte das Werk
ingesamt 1891 arabisch und 18 römisch numerierte Seiten. In
der neuen Ausgabe sind es 1703 mit arabischen und 19
römischen Zahlen. In den bisherigen Ausgaben befand sich der
römisch numerierte Teil zwischen den arabisch numerierten
Seiten 1008 und 1009. Das heißt, zwischen zweitem und
dritten Band. Nun stehen diese Seiten am Ende des einen
Bandes, nach der Seite arabisch 1703.
Die Passage ist nicht gestrichen worden, was immerhin
anerkennt, daß sie zum Roman gehört. Ganz gleich, welche
Information die Passage enthält: bisher erfuhren die Leser am
Ende des zweiten Bandes davon. Mit dieser Kenntnis waren sie
ausgerüstet für zwei weitere Bände. Jetzt erfahren davon sie
am Ende des einen Bandes: Der Roman hat einen neuen
Schluß!
Nun weiß man, daß Siegfried Unseld sich diese Passage
gewünscht hat; genauer: daß Uwe Johnson seinem Verleger mit
dieser Passage einen Wunsch erfüllt hat. Im August 1971
berichtet Johnson an Max Frisch von einer Art
Kompensationsgeschäft: Unseld befürchtet, Enzensberger als
Autor zu verlieren, weil Johnson im zweiten Band der
Jahrestage dessen publizistisches Politisieren und die darin
zum Ausdruck kommende Meinung kritisiert. Der Verleger
äußert Bedenken, doch der Autor bleibt bei seinem Text.
Sodann hat der Verleger einen Wunsch, und den erfüllt der
Autor. So kam es, daß der Roman nicht gekürzt, sondern
erweitert wurde: und zwar um die später mit römischen Ziffern
paginierte Passage. Auf diese Weise haben beide etwas
gewonnen, der Autor hat seinen Text bewahrt, der Verleger
seine Lektürehilfe bekommen. Denn nichts anderes hatte er im
Sinn. Johnson schreibt an Frisch, er habe nachgegeben, "als er
[Unseld, H.H.] von mir ein episches Register der Personen in
Band I und II geschrieben haben wollte. Denn er wusste oft
nicht, wer da nun wieder auftrat als Tierarzt, und wollte sich an
dessen Einführung vor bloss zweihundert Seiten nicht erinnern.
Ich fürchte, es wird ein Register ganz für ihn allein."
Man kann getrost davon ausgehen, daß Johnson Schriftsteller
genug war, seinen Roman nicht dadurch zu beschädigen, daß er
ihm Seiten anklebte zur Hilfe nur für einen einzigen Leser.
Davon ging auch Siegfried Unseld aus, der den Lesern etwas
weniger zumuten wollte als sein Autor, und sich etwas
wünschte, das dieser "episches Register" nennt. Die
Bezeichnung zeigt an, daß die fortlaufende Aufzeichnung von
Zusammengehörigem, so wird im Grimmschen Wörterbuch die
Bedeutung von Register umschrieben, Bestandteil des
Erzählten sein soll: episch, und damit nicht beschränkt auf eine
bloße Liste. Inwiefern die Passage die Aufgabe eines Registers
erfüllt, wäre noch zu klären, ebenso wie die originelle Weise
der Integration des Textes in die Erzählung eine eigene
Untersuchung verdient.
In der einbändigen Ausgabe ist all dies ignoriert worden. Man
hat wohl auch entschieden, daß es unerheblich ist, auf welche
Weise das Buch endet, welcher Satz der letzte ist. Diesem
rezeptionsbezogenen Einwand entspricht auch ein
entstehungsgeschichtlicher. Denn wie sein Buch enden sollte,
wußte der Autor schon sehr früh, im Grunde schon zu
Schreibbeginn. Die dem Kalender entsprechende Konstruktion
wurde auf eine Weise mit dem Inhalt des Romans verbunden,
die es ermöglichte, auf ein Ende zuzuschreiben. Ohne jede
Spekulation läßt sich sagen: Johnson wußte, daß sein Roman
nicht mit einem epischen Register enden würde. Es läßt sich
zudem zeigen, daß am Ende der hinzugefügten Passage, am
Ende des zweitens Bandes, ein Eigenname stehen sollte:
Jakob. Auch dies war ein Erfordernis der sorgfältigen
Konstrukion. Ausgerechnet an dieser Stelle hat Johnson das
Signal überdeutlich eingefügt. Das war eins der Mittel, um den
Text episch zu integrieren.
Wenn dies also eine Leseausgabe sein soll, und das ist der
einzige Weg, zumindest zu versuchen, diese Ausgabe zu
rechtfertigen, dann ist die Umstellung des Textes
unverzeihlich. Sie beschädigt das poetische Potential des
Romanschlusses. An den Ansprüchen an eine Standard-Ausgabe
gemessen ist es schlicht und einfach eine Verfälschung. Ihr
Zustandekommen ist inhaltlich nicht erklärlich.
Raimund Fellinger, der zuständige Lektor des Suhrkamp
Verlags, hat sich der Umstellung wegen mit Eberhard Fahlke
und Norbert Mecklenburg besprochen, beide Kenner des
Romans. Die Zuflucht zu den Autoritäten ist ein Zeichen des
Unbehagens am eigenen Tun. Ganz wohl war dem Lektor
offensichtlich nicht. Er ist nicht unbedacht vorgegangen, er hat
getan, was möglich war: Schadensbegrenzung.
Am letzten Tag des Romans spielt eine Seitenzahl eine
gewisse Rolle, sie verweist auf eine andere Stelle im Text. Der
Lektor wußte um die Schwierigkeit und hat die Zahl im Text
entsprechend verändert. Er war sich auch über die generellen
Nachteile einer Veränderung der Seitenzahlen im klaren.
So viel Aufhebens um die Veränderung von Seitenzahlen, wo
der Text, vom groben Schnitzer abgesehen, derselbe ist? Wenn
nicht bei diesem Buch, dann bei keinem. Uwe Johnson hat
Material aus den verschiedensten Quellen benutzt und es auf
die verschiedenste Weise verarbeitet. Einige Male ganz offen,
so daß es sich nicht überlesen läßt, etliche Male genau
andeutend, so daß man zum Nachschlagen geradezu
eingeladen wird, und nicht weniger häufig versteckt, so daß
man Freude am Finden haben kann. In den Text verwoben sind
literarische und historische Bezüge der spielerischen oder
ernsthaften Art, zum Teil verbinden sie Stellen, die mehr als
200 Seiten auseinanderliegen. All das ist in verschiedener
Weise aufgearbeitet, so daß jeder Leser seinen Interessen
entsprechend nachschlagen kann: wenn er denn die richtige
Seitenzahl hat.
Wenn der Leser der einbändigen Ausgabe sich informieren will,
wird er, auch in der im selben Verlag erschienenen Literatur,
andere Seitenzahlen finden. Bei Suhrkamp wird daher erwogen,
das Kleine Adreßbuch, ein nützliches aber unepisches
Begleitbuch zum Roman, entsprechend zu verändern. Auch die
Literatur, die zur Verbesserung der Neuausgabe benutzt wurde,
ist nun nicht mehr ohne weiteres zu verwenden. Um das
Auffinden von Belegen zu erleichtern, ist eine Kopfzeile
eingefügt worden, die das jeweilige Tagesdatum anzeigt. Das
ist vor allem für Benutzer des Kommentars zu den Jahrestagen
von Vorteil, denn dort ist das Datum ebenfalls in einer
Kopfzeile vermerkt. - Angesichts dieser Zustände bleibt die
vierbändige Ausgabe nach wie vor Standard, für die
Wissenschaft ohnehin. Sie ist auch als Taschenbuch erhältlich,
und der Lektor versicherte, sie bleibe weiterhin lieferbar.
Warum überhaupt eine neue Ausgabe? Der Verlag beruft sich
auf den Wunsch des Autors. Dagegen ist nichts zu sagen, aber
warum mußte der Text neu umgebrochen werden? Die Antwort
ist einfach, sie braucht nur etwas Platz:
Besser als gebundene Bücher verkaufen sich Taschenbücher.
Damit so ein Taschenbuch eine Weile hält, darf der Umfang
eine bestimmte Seitenzahl nicht überschreiten. Damit man
noch etwas erkennen kann, darf das Papier nicht gar so dünn
sein. Aus diesen beiden Werten ergibt sich, wie eng der Text
maximal gesetzt sein darf. Nach diesen Vorgaben wurde der
Text neu umgebrochen. Der Kostenersparnis wegen erschien
die dazugehörige gebundene Ausgabe mit demselben
Satzspiegel. Das ist vom Ende aus gedacht. Und das Ende ist
der Markt. Das erklärt auch, warum so kurz nach der
zweibändigen eine einbändige Ausgabe erscheint. Es sollte
etwas neues in den Läden sein, rechtzeitig zum Film,
rechtzeitig zum Johnson-Preisrätsel: Kennen Sie die
Jahrestage? Nie waren sie so billig wie heute.
Die neue Ausgabe der Jahrestage ist ein Buch zum Film. Jetzt
oder nie: Eine marktstrategische Entscheidung, bemäntelt mit
dem Willen des Autors. Und das Buch zum Film gibts
obendrein.
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