Heinrich Schliemann löste das Rätsel um Troja und gab der Welt neue auf. Wer war dieser Mann, den wir aus dem Lateinunterricht kennen? Heinrich Schliemann: Forscher, Sprachgenie, Phantast und Betrüger.
Heinrich Schliemann war Mythomane: So lautet die Kernaussage von Heinrich Flügges Biographie über den Kaufmann und Troja-Entdecker, der aus kleinsten Verhältnissen zu Weltruhm aufstieg. Aber nicht Troja und seine Entdeckung steht im Mittelpunkt dieses bewegten Lebens; Schliemann war nur von einem Mythos besessen, und das war er selber. Flügges kritische Betrachtung dieses ungewöhnlichen Zeitgenossen bricht nicht vollständig mit dem Bild des naiv-genialen Jungen, der mit dem Homer in der Hand Griechenland durchstreifte. “Sein” Schliemann ist immer noch mythengläubig, aber der Mythos ist eine Waffe, die er dazu einsetzt, sich von seiner tristen Kindheit zu lösen und in die große Welt aufzusteigen. Er schreckt vor keiner Lüge zurück, um dieses Ziel zu erreichen. Höhepunkt seiner Karriere ist der Augenblick, als er von einem unbekannten Hobbyforscher angesprochen wird, der behauptet, die Lage von Troja zu kennen. Schliemann greift zu.
Flügge zeichnet das Bild eines Menschen, der in fast pathologischer Schizophrenie zwischen einer realen und einer fiktiven Welt schwankt. Schliemanns zahlreiche Briefe und Tagebücher liefern den Stoff, um Widersprüche und bewusste Korrekturen nachzuweisen und den Lügner und Phantasten zu enttarnen. Das Genie tritt hinter den Besessenen zurück, der erfolgreiche Kaufmann hinter den gescheiterten Privatmann. Und doch liegt gerade in dieser Besessenheit eine Faszination, die Elemente des konventionellen Schliemann-Mythos in sich trägt.
Flügge präsentiert dem Leser eine sorgfältig recherchierte Charakterstudie, die auf Brüche hinweist und Fragen offen lässt. Damit liegt die vorliegende Biographie durchaus im Trend der Zeit: Eine allerletzte Wahrheit wird verweigert, die beiden entscheidenden Fragen werden nicht beantwortet, und es obliegt dem Leser, die entscheidenden Schlüsse zu ziehen...
Manfred Flügge
Heinrich Schliemanns Weg nach Troia
299 Seiten, dtv
ISBN 3-423-24292-2
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