Dracula lebt! Zu diesem Schluss kommt der italienisch-amerikanische Historiker Rossi und weiht von nun an sein Leben der Suche nach dem Monster, dem historischen und dem Vampir. Er ahnt nicht, dass er Dinge in Gang setzt, die nicht nur ihn sondern auch die Menschen in seiner nächsten Umgebung zu Gejagten und Getriebenen machen werden.
Als Tochter eines umtriebigen Diplomaten und ehemaligen Geschichtsprofessors hat die 16-jährige Ich-Erzählerin Möglichkeiten, von denen andere Mädchen nur träumen können. Doch der Schein trügt, als einzige Tochter eines allein erziehenden, überbesorgten Vaters muss sie auf manche Freiheit verzichten, die für ihre Altergenossinnen, namentlich in den wilden Siebzigern, selbstverständlich ist. Auf einer der Reisen in den vom Kalten Krieg gezeichneten Osten kommt sie dahinter, was ihren Vater zum umtreibt – die Suche nach Dracula.
Stückchen für Stückchen enthüllt der Vater seiner fassungslosen Tochter die Geschichte seines Doktorvaters Rossi, der als erster auf die Spur des mächtigsten aller Vampire stieß, die Geschichte eines geheimnisvollen Buches und einer großer Liebe. Als auch ihr Vater verschwindet, so wie einst sein Mentor, ist die Geschichte für das Mädchen längst zu einer Reise in die eigene Familiengeschichte geworden. Als Tochter eines Historikers weiß sie, was sie zu tun hat: Den ausgelegten Spuren zu folgen und dem Geheimnis auf den Grund zu gehen.
Dass Dracula lebt, wissen wir spätestens dann, wenn wir an den Regalen in einem Buchladen vorbeigehen, der alte Blutsauger ist einfach nicht tot zu kriegen. Doch die englische Autorin Elizabeth Kostova wählt nicht den Zugang über die Mythen und Legenden; getreu dem Titel ihres breit angelegtem Romans Der Historiker beschäftigt sie sich vor allem mit der historischen Figur Vlad des Pfählers. Akribisch genau verfolgt sie die Spuren, die durch alte Dokumente und lässt ihre Figuren auf verschiedenen Zeitebenen eine Verschwörung aufdecken, die mit der augenzwinkernd mit der Vermischung von Realität und Fiktion spielt.
Man muss Kostova zugute halten, dass sie sich größte Mühe gibt, den Leser auf gut achthundert Seiten nicht den Überblick verlieren zu lassen, wenn die einzelnen Figuren hintereinander her jagen, wenn Briefe, Erzählungen und pseudo-historische Dokumente ausgewertet werden und Wissenschaftler in West und Ost an der breit angelegten Vampirjagd teilnehmen. Leider kommt gerade durch diese detaillierte Schilderung bisweilen das Gefühl auf, dass die Handlung zu langsam fortschreitet. Die Puzzlearbeit eines Historikers ist eben doch nicht das gleiche wie die Handlung eines Romans.
Insgesamt ist Der Historiker jedoch ein liebevoll und vor allem fundiert recherchiertes Werk, das versucht, einem alten Mythos frisches Blut einzuflößen. Allerdings ist zu sagen, dass hierbei der Weg das Ziel ist, denn der Figur des Vampirs werden letzten Endes keine neuen Seiten abgewonnen. Diese neue Dracula-Version ist im Grunde eine direkte Anknüpfung an Bram Stokers – ebenfalls zitierte – Vampirjagd, so dass der Show-down eher konventionell ausfällt. Dass trotzdem kaum Langeweile aufkommt, liegt an der flüssigen Sprache der Autorin, der ein stimmiges Portrait ihrer jungen Heldin und deren Ängsten und Nöten gelingt.
Fazit: Überzeugend recherchierter Mix aus Historie und Legende mit einigen Längen.