Man kommt an einen fremden Ort und findet eine Heimat. Eine Liebesgeschichte beginnt - zwischen einem Menschen und einer Stadt. Und so streift Joseph Brodsky durch die engen Gassen und Kanäle des winterlichen Venedig - zum wievielten Mal hat er vergessen zu zählen - und lässt die Gedanken schweifen. Denn eines weiß er mittlerweile, besitzen kann er diese Stadt nie, lieben wird er sie immer.
Venedig ist in ein sanftes Silbergrau gehüllt. Es riecht nach Schnee, Verfall und vergangener Schönheit. Der Mann, der hier schreibt, kennt die Probleme der Stadt, weiß um den Kampf der Stadtväter gegen den lebendigen Tod als Museumsinsel oder das langsame Ende als zweites Atlantis. Er weiß auch, dass der geflügelte Löwe, stolzes Sinnbild Venedigs, ein Monster ist, das es so nie gegeben hat. Aber wie ein Mann seine Frau nach vielen Jahren für ihre Mängel zu lieben lernt statt für ihre Perfektion, so fühlt auch der Autor wenn er seine Liebeserklärung an Venedig verfasst.
Reisebeschreibungen sind wohl eines der schwierigsten Genres, denen sich ein Schriftsteller widmen kann. Es ist eine undankbare Aufgabe, denn die, die einen Ort kennen, werden andere Eindrücke davongetragen haben, die, die ihn nicht kennen, haben in den seltensten Fällen Genuss von den individuellen Eindrücken eines einzelnen.
Vielleicht liegt das Geheimnis von Ufer der Verlorenen darin, dass es sich dabei mehr um ein Wortgemälde als um eine Erzählung handelt. Es gibt keinen Handlungsstrang, keinen roten Faden durch die Beobachtungen und Erinnerungen des einsamen Wanderers Brodsky. Wichtig sind nur die Eindrücke, die bleiben, und die sind nicht für den Kopf gedacht. Mit viel Leichtigkeit und Poesie macht der Autor sich zum Fremdenführer für die Sehnsüchte seiner Leser. Was bleibt ist eine Erinnerung an ein geschriebenes Bild.
Über den Autor:
Joseph Brodsky wurde 1940 in Leningrad geboren und lebte seit seiner Ausbürgerung aus der Sowjetunion in den USA. 1987 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Er starb 1996 in New York.
Joseph BrodskyUfer der Verlorenen
96 Seiten, Fischer Taschenbuch Verlag
ISBN 3-596-14960-6
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