Ganze Regale lassen sich mit Zwergen, Elfen und Orks füllen und Saruman wurde mittlerweile tausendfach geklont. Als ob es nur ein mögliches Thema in der Fantasy gäbe, wird der Herr der Ringe in immer neuen, immer dümmlicheren Varianten neu aufgelegt. "Die Leser wollen es so", tönt es aus den Marketing Abteilungen der Verlage.
Nicht nur in der Fantasy ist Einheitsbrei angesagt. Auch Literaturverlage stricken die gleiche Masche. Zwei links, zwei rechts, immer die gleiche Sprache, die in Feuilletons dann als "wortmächtig" gepriesen wird, obwohl sie bestenfalls "partizipienmächtig" ist. Bücher, bei denen sich selbst die Klappentexte nur noch in der Hintergrundfarbe unterscheiden. Ist die Literatur am Ende, frisst der Kommerz sie auf? Gibt es nichts neues mehr zu lesen? Fast möchte es so scheinen.
Würde Goethe heute leben, gäbe es nicht nur den Faust I und II, sondern mindestens 23 Folgen. Und Mephisto käme darin nicht vor. "Das ist Fantasy und sie schreiben doch Literatur", hätte ihm sein Verlag eröffnet. "Sie müssen sich an die Anforderungen ihres Genres halten."
McKinsey heißt der Gott der Verlage und er verkündet nicht zehn, sondern nur ein Gebot: "Du sollst nichts neues verlegen." Wir leben in einem Zeitalter der Individualität? Weit gefehlt, es herrscht der Publikumsgeschmack und nie war es so einfach wie heute, immer das gleiche zwischen immer neue Buchdeckel zu pressen.
"Es gibt für uns keine Verpflichtung, Kunst zu machen. Unsere einzige Verpflichtung ist, Geld zu machen." sagte schon der Filmproduzent Don Simpson.
Wer verlegt werden will, sollte sich tunlichst an die gängigen Vorgaben halten. Eine starke Frau gehört her, mit allen modernen Eigenschaften, auch wenn der Roman in der Steinzeit spielt. Schließlich sind Leser überwiegend Frauen und deren Wünsche wollen bedient sein. Natürlich mindestens einer deftigen Sexszene und passt die nicht willig, braucht man Gewalt.
Dass Leser immer das gleiche wollen, ist die feste Überzeugung der meisten Verlage. Und vieler Autoren. Wie viele Manuskripte hoffnungsvoller Jungautoren wollten mir den Herrn der Ringe noch mal erzählen, wie viele Nachwuchsliteraten wandeln in den Spuren von John Irving & Co., statt ihren eigenen Pfade zu suchen?
Dass Geschichten immer dem gleichen Schema folgen, predigt eine ganze Schule von creative-writing Lehrern. Christopher Vogler begründete sie mit "Die Odyssee des Drehbuchschreibers", James Frey folgte mit "The Key" (Artikel bei uns) und mittlerweile ist es eine Kirche geworden, in deren Gottesdiensten immer die gleiche Litanei gesungen wird: "Es gibt nur einen Monomythos: die Heldenreise." Der Held muss selbstlos sein, der Gegenspieler egoistisch und man erblödet sich nicht, selbst die Ilias als Beispiel zu zitieren. Obwohl ja Agamemnon nicht grade selbstlos und Priamos kein Schurke ...
Aber lassen wir das.
Kapitalismus funktioniert, so die akzeptierte Meinung, weil Unternehmen etwas riskieren, um Gewinne zu machen. Doch deutschen Verlage funktionieren scheint's nur, weil sie das Risiko scheuen, wie ein Vampir den Knoblauch.
Stimmt das alles? Marketing-Freaks glauben fest daran. Doch seltsam. Da sagt etwa Michael Meller, einer der erfolgreichsten Literaturagent Deutschlands: "Die meisten erfolgreichen Titel kommen aus unerwarteten Ecken. Allen (!) Nr.-1-Bestsellern unserer Agentur waren ursprünglich wenig Chancen eingeräumt worden (Rut Brandts Memoiren / Al Gores Buch / Andrew Mortons erstem "Diana"-Buch / Frank McCourts "Die Asche meiner Mutter" / Jonathan Franzens "Korrekturen" / Rebecca Gablés historischen Romanen" ( textkraft-Artikel). Und Bruckheimer, Produzent von "Fluch der Karibik": "Nehmen Sie "Titanic": Der Film hatte ein immenses Budget, dafür aber keine Stars, wurde auf dem Wasser gefilmt und ist über drei Stunden lang. Jeder dieser Punkte ist ein Hollywood-Tabu, und trotzdem wurde "Titanic" zum erfolgreichsten Film aller Zeiten. Es ist einfach nicht vorhersagbar." ( Spiegel online)
"Handlungsschema sind die erste Wahl der Einfaltspinsel", meint Stephen King zum gleichen Thema ("Die Arbeit und das Leben").
Man kann Meller wie Bruckheimer vieles vorwerfen, aber nicht, dass sie nicht aufs Geld schauten. Und Stephen King ist sicher kein armer Poet. Sollten alle diese schönen Regeln, die uns McKinsey und Co. vorstellen, die Verlagskaufleute nachbeten, Aberglaube sein?
Natürlich wollen Leser Fortsetzungen. Ist ein Buch erfolgreich, dann lechzen sie danach, wie der Junkie nach der nächsten Spritze. Aber Leser, ganz gleich ob von Groschenhefte oder von Literatur, sind auch Masochisten. Sie wollen, dass man sie fesselt und auf die Folter spannt.
Das geht nur, wenn man Neues bringt. Oder alte Geschichten neu erzählt. Nicht immer die gleichen Orks, Elfen, Zwerge - und Bösewichte, die sich gleichen, wie ein McKinsey Mitarbeiter dem anderen. Es gibt Mythen ja, und Bücher sollen davon Gebrauch machen, aber es gibt keinen Monomythos. Der ist nämlich ein Mythos Und zwar einer, der in die Irre führt.
Das ist nämlich das Problem: Wer dem Publikum zu sehr hinterherläuft, wird es irgendwann nicht mehr erreichen. Natürlich möchten Leser, dass der nette Junge das schöne Mädchen kriegt. Aber ob sie begeistert sind, wenn der Autor ihrem Wunsch einfach so nachkommt? In "Casablanca" kriegen sich die beiden nicht und der Film ist immer noch ein Knüller. Nichts schlimmeres, als Masochisten Gutes zu tun. Nichts schlimmeres, als zu schreiben, "was Leser wollen".
Flaubert landete vor Gericht, weil er die Geschichte einer Ehebrecherin schrieb, noch dazu so, dass der Leser mit der Hauptperson mitfühlen kann. Nicht grade das, was Leser damals lesen wollten - aber das Buch weckte Emotionen und tut es nach über hundertfünfzig Jahre immer noch. Heute landen Bücher höchst selten vor Gericht, dafür aber vor Controllern. "Madam Bovary" hätte da keine Chance.
Bücher leben eben auch davon, dass sie behandeln, was der Leser nicht lesen will - wenn der Text dadurch Emotionen weckt.
"Weil bei euch die Banker und Investoren kein Risiko eingehen wollen. [...] Die haben einfach nicht den Mumm der amerikanischen Studios", nennt Bruckheimer als Grund für die Misere der deutschen Filmlandschaft. Sollte das auch für Verlage gelten?
Gut möglich. Jedenfalls ist Geldverdienen auch eine Sache des Risikos. Sonst könnten die Verlage ihr Kapital ja in Sparbriefen anlegen. Dann blieben uns wenigsten die vielen 08/15 Werke erspart, in der Fantasy wie in der Literatur. Die ist schließlich auch nur ein Genre.
Redakteur: Hans Peter Roentgen
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