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Recht- und Linkschreibung PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Hans Peter Roentgen, am 16-08-2004 12:10
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Recht- und Linkschreibung : Kolumne

"Es kann nicht sein, dass im Ergebnis jeder schreibt, wie er will und es keine akzeptierte Ordnung mehr gibt", meint unser aller Stoiber und sein niedersächsischer Kollege Wulff sekundiert: "Gleichgültigkeit bei Fragen der Orthographie ist für die deutsche Sprache eine schlichte Katastrophe". Die FAZ hat schon vor etlichen Jahren den Hauptfehler des Neuschrieb entdeckt: "Orthographie wird Ansichtssache" und ist deshalb zur alten Rechtschreibung zurückgekehrt. Doch es soll nicht bei verbalen Kraftakten bleiben. Die Ministerpräsidenten wollen Nägel mit Köpfen machen. Auf der nächsten Ministerpräsidentenkonferenz werden sie ein Rechtschreibamt in Flensburg mit weitgehenden Befugnissen vorschlagen. In Zukunft soll jeder, der anders als nach alter Rechtschreibung schreibt, wegen Vergehen gegen die deutsche Kultur abgemahnt werden. "Schließlich wird, wer ein Rotlicht überfährt, auch bestraft. Warum sollte es bei den sehr viel schwerwiegenderen Vergehen gegen die Rechtschreibung, also gegen die deutsche Kultur, anders sein?" Ein "dass" wird 40 Euro im ersten Fall, 200 im Falle der Wiederholung und Entzug der Schreibererlaubnis im dritten Fall kosten. Eine Punktekartei im Rechtschreibamt in Flensburg soll entsprechend eingerichtet werden. Medizinisch-psychologische Untersuchung (Idiotentests im Volksmund genannt) drohen jedem, der mehr als 6 Punkte aufweist.

"Schliesslich", so Wolff, "wo kommen wir hin, wenn jeder schreibt, wie er will? Das haben wir bis 1900 getan, als zum ersten Mal die Kultusministerien eine Rechtschreibung für verbindlich erklärten. Und was ist dabei rausgekommen? Schundwerke, Fantasygeschichten wie Goethes Faust, Räuberpistolen von Schiller, kindische Märchen der Brüder Grimm." und sein Kollege Stoiber sekundiert: "Rechtschreibung wird endlich verbindlich und gesetzlich geregelt sein."

Was zunächst aussah, wie eine der üblichen Loch-Ness-Presseenten, die das Sommerloch füllen sollten, entwickelt sich zu der wichtigsten Kulturfrage des Jahres. Sollen wir in Zukunft wieder "Photo" schreiben, oder nur noch "Foto"? Dabei ist zumindest das Foto längst entschieden. Auch zur Zeiten der alten Rechtschreibung photografierten nur noch Rechtschreibfundamentalisten, die anderen machten Fotos.

Rechtschreibung gibt es, seitdem es Deutschlehrer und Kultusminister gibt. Vorher existierte keine verbindliche Rechtschreibregelung. Wer Texte aus dem neunzehnten Jahrhundert liest, stellt aber erstaunt fest, dass trotzdem sehr einheitlich geschrieben wurde. Und dass die Texte auch für heutige Leser gut verständlich sind. Obwohl man "Thür" und "Thal" schrieb und Kommas nach anderen Regeln setzte. Dass es eine einheitliche staatliche Rechtschreibung gibt, verdanken wir den Kultusministern und den Schulen. Die Lehrer sollten eine Handhabe haben, was sie als Fehler anstreichen konnten. Der Rotstift ist der Vater der Rechtschreibregeln und die Notengebung ihre Mutter. Selbst für Recht und Gesetz, sogar für Finanzämter wären verbindliche Rechtschreibregeln unnötig. Gesetze wie Verträge sind gültig, egal, ob sie in alter oder neuer Rechtschreibung formuliert wurden. Und auch die Buchhaltung muss nur in einer lebenden Sprache formuliert sein. An die Rechtschreibung werden keine Forderungen gestellt.

Um so erstaunlicher, mit welcher Vehemenz heute Rechtschreibung mit Kultur gleichgesetzt wird. Dabei galt schon bei der Gründung des deutschen Reiches der alte Witz: Gott weiß alles, aber Lehrer wissen alles besser. Eigentlich sollte nur die üblichen Schreibweisen in Regeln gefasst werden. Doch schon damals wollte man alles besser machen und nach dreißig Jahren heftiger Diskussionen und Streitereien wurde die erste Rechtschreibreform verabschiedet. "Thür" und "Thal" verwandelte sich in Tür und Tal und die Kommasetzung wurden komplett geändert. Auch damals stellten die Reformer bald ernüchtert fest, dass ihre wunderschönen neuen Regeln jede Menge Ausnahmen produzierten und keinesfalls so einfach waren, wie gedacht.

In der Schweiz gibt es schon lange kein "ß" mehr. Gehört Dürrenmatt deshalb nicht mehr zur deutschen Kultur? Haben Schweizer Autoren deshalb verfügt, dass ihre Texte in Zukunft nur ohne "ß" gedruckt werden dürfen? Aber in Deutschland haben wir ein Problem, wenn nicht auch die seltensten Ausnahmen eineindeutig geregelt sind. Wer gar vorschlägt, dass man nicht nur Auto fahren, sondern auch autofahren darf, wer Rad fährt, statt radfährt, der outet sich als Kulturbanause.

Kein Wunder, dass alle nach der Volksabstimmung rufen. Selbst die, die einer Abstimmung über die Wiedervereinigung, über Hartz IV, über die deutsche Verfassung vehement abgelehnt haben. Dass sie damit generell Rechtschreibabstimmungen legalisieren, scheint ihnen entgangen zu sein. In Zukunft dürfen wir dann entscheiden, ob wir das "ß" behalten wollen. Ob wir weiter Substantive großschreiben. Da kann ein lustig Abstimmen beginnen.

Schon die Einführung der neuen Schreibweise war von mancherlei Absonderlichem begleitet. Schulbücher mussten eingestampft werden ebenso wie die Jugend- und Kinderbücher. Die Lagerbestände von "Momo" wanderten in den Abfall, damit deutsche Schüler nicht durch "Stengel" statt "Stängel" in sittliche Rechtschreibgefahren gebracht wurden.

Jetzt soll alles erneut geändert werden. Die einen wollen die alte Rechtschreibung ganz bannen, die seit 98 immer noch neben der neuen gültig ist. Die anderen wollen die neue verbieten. Nichts scheint den Deutschen mehr Angst einzujagen, als Freiheiten in der Rechtschreibung, auch wenn sie noch so klein sind. Dieses Revier obrigkeitstaatlichen Denkens wird mit Zähnen und Klauen verteidigt. Zumindest darin sind sich Gegner und Befürworter einig, dass in der Rechtschreibung, alles, aber auch alles, sei es noch so abseitig, geregelt werden muss.

Aber was wäre, wenn wir einfach aus Erfahrung lernen würden? Die neue Rechtschreibung war sicher nicht der große Wurf, als der sie uns verkauft wurde. Ihre Regeln haben ebenso ihre Ausnahmen, wie die der alten. Ist sie deshalb eine Katastrophe? Ich lese ca 3-4 Bücher in der Woche. Die Hälfte ist in neuer, die andere in alter Rechtschreibung. Anfänglich wirkte "dass" etwas absonderlich, aber unverständlicher ist es auch nicht. Texte lassen sich nämlich lesen und verstehen, egal in welcher Rechtschreibung sie geschrieben wurden. Zwar gibt es zahlreiche Beispiele, in denen die neue Rechtschreibung unsinnig wird. Aber solche Spezialfälle lassen sich für die alten Regeln genauso finden. Ist "Auto fahren" und "radfahren" logisch? Wird die deutsche Sprache verarmen, wenn wir nicht nur "Auto fahren", sondern auch "autofahren" dürfen? Wenn es Schülern weiter freigestellt bleibt, ob sie "radfahren" oder "Rad fahren" wollen? Hängt gar, wie der Spiegel behauptet, die Liebe zur Muttersprache davon ab, ob die wir zur alten Rechtschreibreform von 1900 zurückkehren? Offenbar ist die deutsche Kultur nicht sehr standfest; jedenfalls, so wollen uns manche einreden, wird sie endgültig einstürzen, wenn wir in Zukunft getrennt, statt zusammenschreiben. Da verwechseln wohl einige Waldschrate, so scheint mir, den eigenen Baum mit dem Nabel der Kultur. Ich habe mir 1998, wie manch anderer, zähneknirschend die neuen Regeln antrainiert. Muss ich sie jetzt wieder verlernen? Wieviel, pardon, wie viel Kultur hängt überhaupt von den Rechtschreibregeln ab?

Mir ist kein Buch bekannt, in dem der Text aufgrund der verwendeten Rechtschreibung unverständlich oder mißverständlich ist. Oder in dem die Qualität des verwendeten Textes von der verwendeten Rechtschreibung abhängt. Die Beispiele, die immer wieder zitiert werden, sind einzelne Sätze, entweder aus dem Zusammenhang gerissen oder schlicht falsch.

Wenn wir sechs Jahre mit alter und neuer Rechtschreibung haben leben können, wieso nicht weiterhin? Zugegeben, es ist kein Idealzustand. Aber wir haben nunmal die neue Rechtschreibung eingeführt und die alte war auch nicht, wie manche uns glauben machen wollen, ideal oder gar "traditionell". Von Amts wegen oktroyiert, sind ihr dreißig Jahre lang ebensolche Streitereien vorangegangen wie bei der neuen.

Wenn wir beide Rechtschreibregeln beibehalten, würden sich, da bin ich mir sicher, im Laufe der Jahre eine "akzeptierte" Form der Regeln einschleichen und damit eine Menge Probleme von alleine lösen. Weil sie einfach verschwinden. Ob "Stängel" und "Gämse" in dreissig Jahren noch von irgendwem so geschrieben wird? Oder jemand "Auto fährt", aber "radfährt"? Ich bezweifle beides.Nicht alles muss staatlich geregelt werden. Wenn der Staat die Krümmung der Banane vorschreibt, heißt das auch, das er festlegen muss, wo wir "ph" und wo ein "f" verwenden müssen?

Mal ehrlich, wer kennt die Feinheiten der alten Rechtschreibung und ihrer zahlreichen Spezialfälle in Punkto Zusammen-, Groß- und Kleinschreibung, ?rennung wirklich? Würden Ministerpräsident Wolff und all die anderen Politiker, die sich jetzt plötzlich zu Verteidiger der Kultur berufen fühlen, bei einem Diktat in alter Rechtschreibung weniger Fehler machen?

Aber vielleicht wollen sie, wenn sie den Bürgern schon nicht vorschreiben können, was diese Schreiben, sich bloß die Gelegenheit nicht entgehen lassen, ihnen wenigstens vorzuschreiben, wie sie schreiben müssen?
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Redakteur: Hans-Peter Roentgen

Letztes Update: 16-08-2004 12:10

Veröffentlicht in : Magazin, Kolumne
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