Ganz ungewohnt widmet sich die Juli Kolumne, im Gegensatz zu den vorhergehenden, einem einzigen Geschehen aus dem Literaturbetrieb und zwar der Voraufführung von Bertolt Brechts „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ im Berliner Ensemble, dem Theater am Schiffbauerdamm. Noch vor dem ersten Akt begrüßte Intendant Claus Peymann, der auch für die Inszenierung des Stückes verantwortlich ist, das Publikum, das trotz schwülem Montagabendwetter für ein ausverkauftes Haus sorgte, nicht nur, um dieses Willkommen zu heißen, sondern auch, um auf die Aktualität des Stückes aufmerksam zu machen.
Darüber hinaus ließ es sich der Altmeister nicht nehmen, auf das zu erwartende – spannende – Zusammentreffen von schauspielerisch alter sowie neuer Schule hinzuweisen, vertreten durch Manfred Karge, der den Großkapitalisten Pierpont Mauler verkörperte und Meike Droste, die in der Rolle der Johanna Dark eine ihre ersten großen und tragenden Figuren ihrer noch jungen Kariere spielte.
Als Brecht Anfang der Dreißiger versuchte, „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ an deutschen Theatern unterzubringen, hatten die Nationalsozialisten schon große Bereiche im Kulterwesen infiltriert, so dass jenes Stück vorerst nicht zur Uraufführung kam. Im dänischen Exil arbeitete der Dramatiker an weiteren Fassungen des Schauspiels. Gustaf Gründgens bat Brecht 1932 darum, das Stück aufführen zu dürfen, worauf der Verfasser 1949, also siebzehn Jahre später, mit einem einfachen „Ja“ antwortete. Zur tatsächlichen (postumen) Uraufführung im Hamburger Schauspielhaus kam es jedoch erst 1959.