Herzlich Willkommen und hereinspaziert! Diesmal im Programm: Dutschke im Kampf gegen Gesellschaft und Krankheit; Eltern, die ihre Kinder töten; ein russischer Autor, der in das Fadenkreuz der Zensur gerät; ein chinesischer Krimi; Leon de Winters neuer Roman; eine KZ – Aufseherin; Verschwörungstheorien.
Mit dem Aufflammen der neuen Antikriegsbewegung – deren Vertreter sich aus Jung und Alt, Politikerfahrenen und Neulingen zusammensetzen – treten die schon jetzt veralteten Diskussionen, hinsichtlich einer politikverdrossenen Gesellschaft, mehr und mehr in den Hintergrund. Vielmehr drehen sich derzeitige Überlegungen um das Erscheinen des Protestbegehrens, das in den letzten Monaten in der Bevölkerung wie ein Lauffeuer um sich griff. In Zeiten derartiger Auseinandersetzungen mag wohl die Veröffentlichung von Rudi Dutschke’s Tagebüchern (Die Tagebücher 1963 – 1979; hersg. von Gretchen Dutschke; Verlag Kiepenheuer & Witsch) treffend erscheinen. Spannend sind nicht nur die Unterschiede, die sich herausstellen, vergleicht man die Protestbewegung der Sechziger mit der heutigen, sondern auch die eventuellen Gemeinsamkeiten. Interessant ist auch festzustellen, dass im Zuge des neuen Protests, der alte tatsächlich einer Historisierung unterzogen wird. Der Vergleich macht es möglich, das Vergangene unter anderen Blickwinkeln zu betrachten. Aber, spannend ist, in den Tagebüchern was über den Menschen Dutschke zu erfahren, der hinter dem Mythos steht. So erfährt der Leser vieles über die Unermüdlichkeit des Revolutionärs, die durch stundenlanges Lesen, unzählige öffentliche Auftritte, Schreiben, Parteiarbeit gekennzeichnet war, das alles noch mit dem Eheleben und der Erziehung seiner Kinder verwoben. Traurig und zugleich fesselnd sind jene Aufzeichnungen, die Dutschke nach dem Attentat auf seine Person (zwei Kopfschüsse) verfasste, in denen formuliert wird, wie der Mensch Dutschke nach diesem, körperlich traumatischen Einschnitt, wieder lesen und schreiben lernt, wie der Intellektuelle Dutschke Angst hat, die gewohnte, geistige Leistungsfähigkeit nicht mehr zu erlangen.
Andreas Marneros, seines Zeichens Arzt, Gerichtsgutachter und jetzt auch Sachbuchautor, ist im Rahmen seines Berufs auf viele Schicksale getroffen, darunter auch einige Mütter, die ihre Kinder getötet haben, oder den Versuch unternahmen, dies zu tun. Daraus entstand auch ein Buch mit morbid anmutenden Titel „Schlaf gut, mein Schatz. Eltern, die ihre Kinder töten“, das im Scherz Verlag erschienen ist. Marneros begegnet diesem Phänomen nicht, indem er darüber eine wissenschaftliche Abhandlung schreibt, sondern so, dass er die Geschichte jener Frauen, die er persönlich getroffen hatte, wieder erzählt. Deutlich wird, dass Täterpersönlichkeiten wie auch deren Motive sich von Fall zu Fall total unterscheiden. Da ist die gelernte Kinderkrankenschwester, die aufgrund einer Wochenbettpsychose Stimmen hört und ihr neugeborenes Kind aus dem Fenster werfen möchte, die Lehrerin, die sich umbringen und ihren zehnjährigen Sohn mit in den Tod nehmen möchte, die Schülerin, die einen Säugling heimlich zur Welt bringt und diesen vor einer Rotes – Kreuz – Stelle ablegt, wo er erfriert. Ein Buch, das vor allem Einblicke in die menschliche Psyche gewährt, in dem es hauptsächlich schildert und weniger analysiert.
Freispruch für den russischen Schriftsteller Vladimir Sorokin, der sich Pornographie – Vorwürfen stellen musste. Angeklagt von konservativen Jugendlichen, die zudem treue Putin – Anhänger (Gemeinsamer Weg) sind, sah sich Sorokin von der russischen Justiz verfolgt. Stein des Anstoßes: Sein Roman „Der himmelblaue Speck“, in dem der Autor geklonte Sowjetführer diverse Sexpraktiken ausprobieren lässt. Gutachten führender Literatur- und Sexualwissenschaftler trugen zur Entkräftung der Vorwürfe bei. Sorokins Bücher eignen sich insbesondere für die Leser, die daran interessiert sind, wie sich russische Intellektuelle auf höchst kreative und phantasievolle Art und Weise gegen das Sowjetsystem wenden.
Und jetzt zum Kriminalroman mit Bildungswert. Qiu Xiaolong’s „Tod einer roten Heldin“ (Zsolnay Verlag) spielt in Schanghai, der Geburtsstadt des Autors, und hat einen sehr jungen Kommissar zum Helden, der den Tod einer Vorzeigearbeiterin aufzuklären hat, was sich in dem kommunistischen Staat zum nationalen Politikum entwickelt. Eine Reise in die Kultur Chinas, verwoben mit Verschwörungen, Intrigen und anderen Gefahren, das alles mit einem sozialkritischen Anspruch. Der Leser, der den Fall mit entknobelt, wird unterhalten und lernt was dabei. Xiaolong ist zudem Übersetzer und lehrt chinesische Literatur in den USA.
Bestsellerautor Leon de Winter ist auch in diesem Jahr wieder mit einem Roman dabei. Darin stirbt eine junge Mottoradfahrerin auf ganz banale Art und Weise, indem das Gefährt durch eine Ölspur ins Schleudern gerät, auf der Autobahn. Ihr Herz wird in einen anderen Menschen transplantiert. Der Vater des toten Mädchens, der sich mit dem Versterben seiner Tochter nicht abfinden kann, möchte die Person finden, in deren Brust ihr Herz schlägt. Er glaubt, dass mit der Organtransplantation auch etwas von der Seele des Mädchens übertragen wurde. Seine Suche, die sich zur Kriminalstory entwickelt, ist auch eine Auseinandersetzung mit dem Menschsein und der damit verbundenen Endlichkeit. „Malibu“ ist im Diogenes Verlag erschienen.
Eine literarische Abrechnung ist Helga Schneiders Buch „Laß mich gehen“ (Verlag Piper), aber auch der Versuch, und zwar ein letzter, vergeblicher, ihre Mutter zu verstehen. Diese verließ ihre Familie, als die Autorin gerade vier Jahre alt war, 1941, um zur Waffen – SS zu gehen. Als KZ – Aufseherin in Sachsenhausen, Ravensbrück und Auschwitz tötete und folterte sie. Schneider traf ihre Mutter 1971 zum ersten Mal. Sie wollte wissen, warum ihre Erzeugerin die Familie verließ, was aus ihr geworden ist; mit dem, was dann zu Tage trat, konnte sie nicht rechnen und dann auch nicht umgehen. Es dauerte weitere 27 Jahre, bis beide Frauen sich wieder trafen. Die Mutter, dann 87, immer noch uneinsichtig, immer noch stolz auf ihre frühere Arbeit, immer noch davon überzeugt, dass diejenigen, die sie in den Tod schickte, es verdienten. Ein sehr emotionales Buch.
Um den Kreis dieser Kolumne zu schließen, geht es wieder in die konspirativ – politische Ecke. Wie bei der Ermordung J. F. Kennedys, gibt es auch im Falle Martin Luther King (Ermordung am 4. April 1968), amerikanischer Bergerrechtler und Friedenskämpfer, Anlass für Spekulationen. In seinem neuen Buch beschreibt William F. Pepper, Journalist, Staranwalt und Menschenrechtler, wie er zum Beispiel 1999 ein Geschworenengericht davon überzeugte, dass King einem Mordkomplott zum Opfer fiel, in das verschiedene Regierungsorgane sowie die Mafia verstrickt waren, dass der eigentliche Angeklagte, der seither lebenslänglich im Gefängnis saß, unschuldig sei. Pepper geht in seinem Werk so weit, dass er behauptet, King habe für seinen vehementen Einsatz gegen den Vietnamkrieg mit dem Leben bezahlen müssen.
Der Verfasser dieser Zeilen wünscht allen Lesern einen schönen Start in den Frühling und viel Spaß beim Schmökern.
Bis zum nächsten Mal,
Arthur Coffin