Siegfried Unseld, Chef des Suhrkamp Verlags, ist tot. Und wie wichtig jener ruhige, souveräne Macher hinter den berühmten Namen wie Brecht, Bernhard, Walser, Handke, Adorno, Marcuse und viele mehr war, ist jedem bekannt und wird in den Feuilletons zur Genüge beschrieben. Also, was bleibt? So was wie ein kleiner, persönlicher Nachruf vielleicht?
Schaut der Verfasser dieser Zeilen in sein Bücherregal erblickt er sie, jene Bücher, hauptsächlich in mattem grün, blau und rot, wie ein erblassender Regenbogen sieht das aus, wobei sich, wie jeder sicherlich weiß, hinter dem Unscheinbaren mitunter die kostbarsten Literaturschätze verbergen; revolutionäres, avantgardistisches, klassisches, vor allem bewegendes, das auf gesellschaftlicher Ebene ganz bestimmt, aber auch auf persönlicher. Die ersten Bücher von Bertolt Brecht oder Thomas Bernhard gekauft, aber keine Ahnung davon, wie viel Einfluss bestimmte Suhrkamp - Köpfe, die Ihre Ideen über Unselds Verlag veröffentlichen und verbreiten konnten, auf die deutsche Nachkriegsgeschichte, besonders im Hinblick auf die 68er – Bewegung, ausübten, ihr die notwendigen, intellektuellen Impulse lieferte. Nein, das war, als der Verfasser dieser Zeilen seine ersten Suhrkamp Bücher kaufte, Geschichte; doch die Worte, die Sätze, die er fand, krempelten dessen Leben, erst schleichend, dann bedeutend um. Der Suhrkamp Verlag steht immer noch für Qualität und beweist, dass sich eben jene auch verkaufen lässt. Fehlgriffe, oder ökonomischer ausgedrückt, Fehlkäufe sind noch immer nicht möglich: Wo Suhrkamp draufsteht ist auch Suhrkamp drin. Das lässt sich vielleicht befremdlich lesen, doch verhielt es sich unter Unseld so, dass der Verlag nicht nur die Autoren, sondern auch diese den Verlag machten, sozusagen ein sich gegenseitiges Gesichtverleihen. Autoren wurden vom Suhrkamp Verlag auf deren Lebenswerk aufgebaut, nicht auf kurzweilige, in wenigen Monaten vergessene Bestseller, auf Eintagsfliegen eben. Dass das prägt, und zwar vielschichtig, ist klar. Welche Ziele das riesige Suhrkampschiff in Zukunft ansteuert, welche Meere es befahren, welche Häfen es andocken wird, bleibt abzuwarten. Günter Berg, so heißt jetzt der neue Mann - der schon während der letzten, schweren Krankheitsphase Unselds geschäftsführend wirkte - in der Nachfolge. Öffentliche Bekanntheit ereilte Berg wohl nicht zuletzt durch dessen vehementes Durchsetzen von Walsers umstrittenen Roman „Tod eines Kritikers“. Ein Kentern jenes Schiffes ist vorerst nicht zu befürchten: Unselds Familienstiftung, die über die hälfte des Suhrkamp – Anteils unter sich hat, in deren Aufsichtsrat bekannte, sowie wichtige Autoren wie Enzensberger, Habermas, Berkéwicz und einige mehr sitzen, wird zukünftig Schein und Sein von Suhrkamp mitbestimmen. Die Zeichen lassen hoffen, dass Unselds Erben weiterhin gute Literatur und mitgestaltende, politische Schriften unters Volk verbreiten werden. Geisteskolonialismus, den man sich doch gerne gefallen lässt.