Harald Schmidt ist ein mediales Phänomen, das nicht nur die Fernsehnation zu spalten weiß. Den einen gilt er als dekadenter, pseudointellektueller Clown, der im Grunde genommen nichts zu sagen hat, den anderen gilt er als geistreicher Zyniker und Multitalent, eine Art sanfter Eulenspiegel, der das Reich des Privatfernsehens ein wenig verunsichert. Dass er auf dieses Medium, das ihn in erster Linie populär machte, nicht unbedingt angewiesen ist, dass er auf der Bühne auch ohne Kameras zurechtkommt, beweisen seine kabarettistischen und vor allem schauspielerischen Talente, die er erfolgreich bei der Aufführung von Samuel BeckettsWarten auf Godot am Bochumer Schauspielhaus einsetzte. Das ausverkaufte Haus dankte es ihm mit lang anhaltendem Beifall. Und wenn Sat1 ihn wegen zu geringer Quoten eines Tages abschießen sollte, es wartet immer noch die Theaterkarriere.
Das Lied "Suzanne" von dem Kanadischen Songschreiber, Lyriker und Autor Leonard Cohen, der heute in Los Angeles lebt, kennt fast jeder, der tiefsinniges und romantisches Liedgut mag; es gehört mittlerweile zu den Weltklassikern der populären Musik. Seine Musik hat sich seither etwas verändert: Die Stimme ist noch tiefer und dunkler, die Kompositionen tendieren schon lange vom traditionellen Folk weg und haben Charakterzüge, die eher an alte europäische Wurzeln angelehnt sind. Ten new Songs (Columbia), vollgepackt mit melancholischen, gut verfassten Texten, auf der weibliche Stimmen im Hintergrund für die stimmliche Melodik sorgen, tummelt sich irgendwie zwischen Paris, Berlin, Montreal und Los Angeles. Eine musikalische Reise durch Zeit und Raum jenseits des Mainstreams.
Fernsehstar Mario Adorf machte kürzlich den Auftakt zu einer ungewöhnlichen Lesereihe: In der Frankfurter Justizanstalt las er vor etwa dreißig Häftlingen, Franz KafkasIn der Strafkolonie. Weitere Lesungen sind im Hamburger Tierpark Hagenbeck, ja sogar im Maggi-Kochstudio geplant, wofür sich etwa Ben Becker, Dirk Bach und andere Prominente hergeben werden. Ins Leben gerufen hat diese Lesetour, die zum Ziel hat, Kafkas andere Seiten, jenseits von Neurotik und Vertracktheit zu zeigen, die Kafka Forschungsstelle Wuppertal.
Herman Melville starb am Ende des neunzehnten Jahrhunderts gänzlich verarmt und vor allem als Schriftsteller eher unbekannt. Etwa dreißig bis vierzig Jahre später gelangte er mit Moby Dick, posthum, zum Weltruhm. Jedoch gelang es dem Werk über Jahrzehnte nicht, über den Status einer bloßen Abenteuergeschichte, in welcher der besessene Kapitän Ahab ohne Rücksicht auf Verluste einen großen, weißen Wahl über die Ozeane jagt, um letztlich sich und seine ganze Schiffsmannschaft ins Verderben stürzt, hinauszukommen, dem bis heute noch das Etikett „Jugendbuch“ anheftet, was wohl daran liegt, dass die Leserschaft die abgespeckte Version des Klassikers vorgesetzt bekam, die auch hierzulande in der Übersetzung etwas am Original vorbeischrammte. Jetzt hat der Hanser Verlag eine Neuübersetzung, für die sich Mathias Jendis verantwortlich zeichnet, auf den Markt gebracht, die an der neuen, kritischen, amerikanischen Ausgabe angelehnt ist. Herausgekommen ist ein Buch für Erwachsene, reich an erzählerischen Streifzügen und kunstvoller, lyrisch anmutender Symbolik, das nicht nur den biblisch wirkenden Rachefeldzug zum Thema hat, sondern sich sogar der damaligen Rassentrennung mutig nähert.
Ein Buch, das zum Mitknobeln einlädt, mag wohl Elena LappinsNataschas Nase (Kiepenheuer & Witsch) sein. Eine großzügige Spende an eine jüdische Zeitschrift, aus deutscher, aber vor allem anonymer Hand, konfrontiert die Protagonisten, die Chefradakteurin des Blatts, die die Herkunft des Geldes ausfindig machen will, nicht nur mit der NS-Vergangenheit, sondern insbesondere mit dem alltäglichen Antisemitismus, der nicht nur vor Emailaccounts und Postfächern nicht halt macht.
In der Gegenwart hält sich auch die algerische Schriftstellerin Assia Djebar auf, wobei sie weder die politisch-religiöse, noch die ethische Dimension scheut. Die im Unionsverlag erschienene Erzählung thematisiert zum Einen die Verfolgung, meist mit dem Ziel der Ermordung, von demokratisch eingestellten Frauen in Algerien, zum Anderen aber, setzt sich Oran – Algerische Nacht auch mit der Identitätsproblematik eines Landes auseinander, das jahrzehntelang unter der kolonialen Herrschaft Frankreichs stand.
In der allerletzten Ausgabe des Literarischen Quartetts wurde dieses Buch gelobt, aber auch total verrissen. Haus, Frauen, Sex, geschrieben von Margit Schneider, vom Haffmans Verlag herausgegeben, handelt vom Mann, der nach zwanzig Jahren, nach Hausbau und sonstigen gesellschaftlichen Eingliederungsmaßnahmen, von seiner Frau verlassen wird, die, zu allem Übel, noch die Kinder mitnimmt. Er ist alleine, auf sich gestellt und verrät in seinen monologischen Tiraden über die Verflossene, so wie es Karasek im Schloss Bellevue formulierte, nur sich selbst.
Eine tragische Geschichte gibt es vom Deutschen Taschenbuch Verlag. Zwei Menschen, ein Paar, bosnische Flüchtlinge, mit einer Vergangenheit voller Qualen, werden von einem elternlosen, norwegischen Paar aufgenommen. Die Frau hatte zuvor ihr Kind, aus einer der zahllosen Vergewaltigungen im Krieg entstanden, zur Adoption freigegeben, da es ihr Mann nicht wollte. Als das Kind zurückgegeben werden soll, nimmt ein neues psychologisches Drama, das vor der gastgebenden Familie keinen Halt macht, ihren Lauf. Das Nullkind. Von Susan S. Senstad.
So! Das war der Auftakt fürs neue Jahr, in dem sicherlich weiterhin gute und interessante Bücher aus der Presse kommen werden und diese Kolumne, wie die sonstigen News aus der Welt der Literatur, weiterhin beschäftigen und für reichlich Abwechslung sorgen werden. Der Verfasser dieser Zeilen hofft, dass die Leserinnen und Leser wieder was zum Schmökern fanden. Er selbst wird sich in nächster Zeit mit einem Klassiker begnügen: Klaus MannsMephisto.