Literatur light: Die Angst des Autors vor seinem Stoff
In Texten, die ich erhalte, tummeln sich nur so die Worte "scheinbar", "anscheinend", "wahrscheinlich". Nur nicht festlegen. Sicher ist der Tod, aber sonst nichts im Leben. Erst recht nicht im Erzählen.
Jetzt haben sich vier erfahrene Autoren zusammengesetzt und wirklich und tatsächlich ein Manifest "Was soll der Roman?" in der Zeit vorgelegt. Kaum zu glauben, da legt sich jemand fest? Nein, Nein, Nein, so betont hektisch einer der vier - Matthias Politicky - im Deutschlandfunk, so sei es gewiss nicht gemeint. Das sei kein Manifest, "nur" ein Positionspapier.
Offenbar haben auch die vier Angst, sich festzulegen. Einfach etwas behaupten, wo kämen wir da hin. Schließlich leben wir im Zeitalter der Relativität. Möglichst allgemein, möglichst distanziert, möglichst ohne Gefühle schreiben, das ist das moderne Credo. Zwar wird heute keiner mehr, wie weiland Grass, als "Pinscher" beschimpft. Aber als "Gutmensch" auf den Seiten der FAZ zerrissen zu werden, ist auch nicht angenehm. Oder als jemand, der etwas beweisen wolle.
Das hatten wir doch alles schon mal, in den Siebzigern, als so viele sangen:
"Reih dich ein in die Arbeitereinheitsfront, weil du auch kein Arbeiter bist."
Nein, dahin wollen wir nicht zurück.
Dann besser allgemein bleiben, unverbindlich. Da kriegt man, wenn man Glück hat, das Adjektiv "wortmächtig" verpasst. Das ist zwar Klischee, wie es schlimmer nicht sein könnte, hilft aber sehr, Literaturpreise einzuheimsen. Der letzte Karneval der Unverbindlichkeiten - auch unter dem Namen "Ingeborg Bachmann Preis" bekannt - hat dies einmal mehr bewiesen.
Doch zurück zu dem Zeit Artikel von Politicky, Hettche, Dean und Schindhelm. Ihr erklärtes Ziel: "An den vorlauten Zeitgeistverlautbarungen und den Berührungsängsten der Sprachartisten vorbei ist unser Ziel eine relevante Narration, denn wir glauben, dass dem Roman heute eine gesellschaftliche Aufgabe zukommt."
Fein. Oder auch nicht. Jedenfalls etwas, das man diskutieren könnte. Wenn denn genauer gesagt würde, was diese Relevanz sein soll. Oder sein könnte. Doch da - Manifest oder nicht - schweigen die Vier. Oder murmeln etwas von "wertkonservativ". Wertkonservativ ist trendy und kommt im Moment gut. Wertkonservativ bezieht sich auf altbewährte Werte. Bush ist wertkonservativ, Bin Ladem auch. Merkel vielleicht. Benedikt XVI, vormals Kardinal Ratzinger ganz sicher. Was darf es denn also sein?
Jedenfalls nicht "die Deutungshoheiten mit und ohne Pfeife". Nicht die "lärmenden Damen und Herren um die sechzig. Nicht "die Dienstleister gestriegelter Populärliteratur". Immerhin, wenn sie auch nicht wissen, was sie wollen, wissen die Vier wenigstens, wen sie nicht wollen.
Stattdessen sollen die "78er", die 40+ Generation endlich wahrgenommen werden. Rein zufällig gehören die vier dazu. Man möchte in die Feuilletons. Und mit was? "Man könnte schon mal versuchsweise aus dem ganzen deutsch-deutschen Kleinkram raus ..." sagte Politicky im Deutschland-Radio.
Sicher. Man könnte. Versuchsweise. Vielleicht aber lieber doch nicht? Der Konjunktiv ist hier verräterisch und das Wort "versuchsweise" auch. Wir wollen uns nicht festlegen. Wir sind nicht die Gruppe 47. Das wäre ja Pfui, Pfui, Pfui!!
Die Gruppe 47 war arrogant, elitär, hatte ein recht fragliches Kunstverständnis und sie hat für zwei Jahrzehnte Teile der deutschen Literaturszene beherrscht. Vorwerfen kann man ihr viel. Aber eins waren sie gewiss nicht: Ritter des Konjunktivs. Dass sie so beherrschend wurden, lag auch daran, dass sie Ansichten klipp und klar vertreten haben. Dogmatisch, würde man heute sagen. Belehrend. Schulmeisterlich. Pfui über sie.
Doch sie haben ihre Meinung vertreten. Obwohl und gerade weil sie deshalb massiv angefeindet wurden.
Gut, das war 47. Da war das dritte Reich grade eben in Schutt und Asche versunken. Seit zwei Jahren durfte man überhaupt erst wieder schreiben. Jeder der 47er hatte eine furchtbar Geschichte hinter sich, auf die ein oder andere Weise. Popliteratur war da sicher nicht angesagt. Anything goes auch nicht.
Günther Grass hat in der Grastrommel das herausgekotzt, was ihn an der jungen Bundesrepublik angeekelt hat. Gedankt wurde ihm das (zunächst) nicht. "Pinscher" war da noch eine eher harmlose Bezeichnung. Das ist lang her und davon zehrt er noch heute.
Wie gesagt, was früher der "Pinscher", ist heute der "Gutmensch". Oder der, der nicht lakonisch erzählt. Ein Risiko, das niemand eingehen möchte. Besser eine Geschichte vom Seitensprung mit dem Freund der besten Freundin erzählen, aber so, dass es genauso gut die Saubermach-Orgie mit Meister Propper gewesen sein könnte. Anything goes. Jedenfalls, wenn es beliebig ist, wenn der Konjunktiv alles beherrscht, wenn man Geschichten nicht bis zum bitteren Ende erzählt.
"Denn wir sehnen uns nach nichts mehr, als nach Büchern, die uns ergreifen, und sei es gegen unseren Willen", sagt das Manifest (pardon, das Positionspapier). Wohl gesprochen. Keine Bücher mehr, die uns lakonisch Beliebiges erzählen? Das wäre es doch wert, zu diskutieren. Auch welche Moden im Moment als "literarisch" gelten. Wohlformuliert, beiläufig erzählt und so könnte man über alles (und nichts) sprechen. Solche Texte gibt es im Dutzend-, ach was sage ich, im Hundertpack billiger.
Würde heute jemand "1984" schreiben? Oder ein Literat einen Science Fiction schreiben? Sicher nicht. Wir haben auch nicht 1948. Hitler war grade tot, Stalin noch sehr lebendig, fast jeder Autor hatte seine Erfahrungen, meist mit beiden. Merkel und Schröder aber eignen sich nicht fürs große Drama, höchstens für die Operette. Existenziell ist die Wahl zwischen beiden jedenfalls für kaum jemanden.
Haben wir überhaupt Erfahrungen, Stoffe, die berühren? Was zum Teufel brennt einem Autor auf der Seele, so sehr, dass er es erzählen muss, mit aller Verve, mit aller Leidenschaft, der er fähig ist?
Da hat einer eine Geschichte um jemand geschrieben, der nichts weiter will, als gutes Radio statt Dudelfunk (Tom Liehr, Radionights). Klar, nicht so existentiell wie Faschismus oder Krieg. Und trotzdem ergreifend, witzig und eine Geschichte. Stellung bezieht sie auch. Weshalb die Feuilletons sie weiträumig umfahren haben.
Denn "richtige" Literaten suchen sich heute absurde, etwas abgelegene Stoffe, auf jeden Fall solche aus, die den Autor nicht berühren und den Leser schon gleich gar nicht.
Aber leider, leider, geht es nicht ohne dieses Risiko. Leben ist immer lebensgefährlich, das wusste schon Erich Kästner und Schreiben erst recht. Wer seine Geschichte nicht an sich ranlässt, ewig um sie herum eiert, mag ruhiger schlafen können. Besser erzählen wird er deshalb aber nicht. Wenn man sich dem stellen würde, müsste man nicht mehr überlegen, welche Generation qua Alter jetzt das Recht hat oder hätte, was zu sagen.
Dann gibt es Feuilletons. Die bejammern gerne die Beliebigkeit und das deutsche Autoren nicht erzählen können. Zugleich pflegen sie diese Form des "Literarischen". Wer erzählt, sich festlegt, um den machen Kulturredakteure einen Bogen, gleich, ob er Klaus Modick oder Tom Liehr heißt.
Gleichzeitig huldigen sie dem populären Roman. Jeder noch so schlechten Krimi wird da in die höchsten Höhen gelobt, schließlich will man nicht als elitär dastehen. Früher nannten sie es Schund. Heute überschlagen sie sich vor Bewunderung. Dabei sind Krimis auch nichts anderes als Bücher. Es gibt gute, schlechte und mittelmäßige. Vor allem mittelmäßige.
Juli Zeh hat es auf den Punkt gebracht: "Beim Lesen des Positionspapiers verspüre ich aber wieder einmal diese bekannte Lähmung, die sich von Herz und Kopf bis in die Fingerspitzen ausbreitet: Eine allergische Reaktion auf zeittypische Inhaltsleere." ( Die Zeit)
Ob wertkonservative Inhaltsleere da wirklich soviel besser kommt wie linksliberale?