Als eine führende Musikzeitschrift zum Ausgang der Achtziger jene Band um die Herren Grohl, Novoselic und Cobain als die Pixies der Neunziger ankündigte, dachte niemand im Traum daran, dass Nirvana nicht viel später, mit ihrem furiosen Krachpop, ein neues musikalisches Zeitalter einläuten würde; sie wurden die Beatles dieses neuen Jahrzehnts, schmissen mit ihren verzerrten und feedbackenden Gitarren, der bohrenden Kompromisslosigkeit der Rhythmussektion, der Welt und sich selbst anklagenden Stimme, transportiert von einem charismatischen Antipophelden mit schulterlangen, strähnigen Haaren, löchrigen Jeans, Turnschuhen, einem verwaschenen Pullover, Madonna, Michael Jackson und Co. von ihren Chartplatzierungen; die Jugend der westlichen Welt hatte plötzlich einen neuen Soundtrack für deren Rebellion – nichts sollte so sein, wie es bis dahin war. Die Musikindustrie schaltete schnell: Jetzt bekamen diejenigen, die in den Highschools immer als die Freaks galten, die weder Football spielten, noch Cheerleader waren die Plattenverträge.
Gefärbte Haare, Doc Martens, Holzfällerhemden, gestreifte T-Shirts wurden zur Uniform der von Selbstzweifeln und Ziellosigkeit geplagten Teenager der Mittelschicht, wovon Westeuropa gleichsam angesteckt wurde; ähnliche Bands schossen von Tag zu Tag aus dem Boden wie Pilze, der Grungerock war geboren. Jetzt, acht Jahre nach dem Selbstmord des Nirvana - Frontmannes Kurt Cobain, das Nirvanaphänomen ist schon längst Musikgeschichte, hat sich dessen Witwe und Hole – Frontfrau Courtney Love entschlossen, den Nachlass des verstorbenen Sängers und Gitarristen an Penguin Putnam - Riverhead Books zu verkaufen. Als Teenager mit dem Tagebuchschreiben angefangen, behielt Cobain diese Angewohnheit bis zum 27. Lebensjahr, in dem er sich selbst mit einer Schrotflinte ins Gesicht schoss, unweigerlich bei, woraus etwa achthundert Seiten resultierten. Cobain war nicht nur Rockstar, er war auch ein Poet. Seine Reaktionen auf die ihn umgebende Umwelt und umgekehrt, die Reaktion seiner Umgebung, seines Lebensraums, oder gar der Welt wie er sie zu kennen glaubte auf ihn, waren thematisch stets der Mittelpunkt seiner Texte und Musik, symbolisch und abstrakt verpackt, hin und wieder jedoch ganz klar auf den Punkt gebracht, selten versöhnlich, immer emotional, meistens voller Wut präsentiert; eine Art Goethes Werther auf LSD und Heroin, der seinen Ausweg in völliger Verweigerung sucht und doch von der Industrie, den Gesetzen des Marktes und einem unkontrollierbaren Starkult verschlungen und letztlich vernichtet wird. Und wieder flammt die alte Debatte über Profitgier und Recht auf Einblick in den Nachlass einer öffentlichen Person, die aber eine Veröffentlichung der Tagebuchaufzeichnung im kommenden Herbst nicht verhindern wird. Ob Seelenstriptease oder nicht, die Leser werden neue Einblicke in Cobains Kampf mit dessen Drogensucht, dem Umgang mit dem für ihn unliebsamen Starrummel um seine Person, seinen Musikgeschmack, seinen Alltag erhalten und jene musikalisch-prägende Erscheinung des letzten Jahrzehnts vielleicht ein wenig besser verstehen, vielleicht sogar den Beweis geliefert bekommen, dass Rock n Roll nie sterben wird, wer weiß.
Der Kranke Körper, der Kampf um Leben und Tod, die Ungewissheit, das Hangeln von Operation zu Operation, der Einschnitt in die alltäglichen Tätigkeiten des Lebens, nicht nur als Anstoß für eine tiefenpsychologische Auseinandersetzung mit dem Ich, mit Endlichkeit, dem Tod also, sondern auch als Parabel für kränkelnde Politsysteme und andersrum, für krankmachende Gesellschaftsordnungen: Das ist der Weg, den Christa Wolf in ihrer neuen Erzählung Leibhaftig, erschienen im Luchterhand Verlag, einschlägt, auf dem sie sich mit den falschen Versprechungen des Faschismus und dem Scheitern sozialistischer Utopien auseinandersetzt.
Was liest der Bundeskanzler Gerhard Schröder am liebsten? Diese Frage stellten sich Peter Schneider und Hans Christoph Buch und luden den Staatsmann kurzerhand ins Haus der Berliner Festspiele zu einem Gespräch ein. Auf der Bühne, vor einem Publikum, stellte sich dieser den Fragen der zwei Autoren. Als er aufwuchs, so der Kanzler, gab es, außer der Bibel, keine Bücher bei ihm zuhause. Bis er sich das literarische Wissen, worunter Lektüren von Grass, Borchert und Walser fielen, in seiner Jugendzeit selbst aneignete, verbrachte er bis dahin seine Lesezeit mit Westernheftromanen. Diskutiert wurde auch im Laufe des Abends über Schneiders neues Buch Und wenn wir nur eine Stunde gewinnen, in dem das tatsächliche Schicksal des jüdischen Musikers Konrad Latte, der während der Nazijahre von anderen Berlinern versteckt wurde, nachgezeichnet wird. Später gestand der Kanzler, dass er die große Zeit der Achtundsechziger „verschlafen“ habe, da er damals gerade sein Abitur und sein darauf folgendes Studium auf dem zweiten Bildungsweg zu bewältigen hatte. Am Ende wurde es noch mal politisch: So beteuerte Schröder, dass es keinen Angriffskrieg gegen den Irak geben würde, dass es zwar keine gerechten, aber dennoch „gerechtfertigte“ Kriege gäbe. Die Intellektuellen ließen ihn daraufhin applaudierend vom Haken.
Und wieder zurück zu unserem Paul Auster, dessen Name aus dieser Kolumne bald nicht mehr wegzudenken ist. Seine Frau, Siri Hustved, sei die eigentliche Ideengeberin gewesen, das „national story project“ ins Leben zu rufen, wo der amerikanische Gegenwartsliterat aus viertausend eingesendeten Amateur - Kurznuke_stories, etwa dreihundert aussuchte, um diese im Radio vorzulesen. Diese sogenannten „wahren“ nuke_stories aus Amerika sind im Rowohlt Verlag erschienen und werden unter dem lockenden Titel zusammengefasst: Ich glaubte, mein Vater sei Gott. Was die Leser hier finden, sind eigenwillige Schnappschüsse, eine Art nationales Psychogramm, angelegt, um dieses manchmal eigenartig wirkende, große Amerika etwas genauer in Augenschein zu nehmen; manchmal humorvoll, manchmal grotesk; kleine nuke_stories, die auch über das Große, Ganze Auskunft geben können.
Einen Briefwechsel der besonderen Art gibt es jetzt als Hörbuch in den Regalen der Buchhandlungen zu ergattern: Fritz Lang - Eleanor Rosé: Briefwechsel“ (Kein & Aber Records). Auf jener CD sind die Stimmen von Udo Samel und Susanne Lothar zu vernehmen. Ein Briefwechsel, der 1945 beginnt, beide Korrespondenten leben im Exil, er in Amerika, sie in England, endet 1976, dem Sterbejahr Langs. Anfangs steht noch das Exilleben im Mittelpunkt, die damit einhergehende Auseinandersetzung, die Hassliebe zu ihrem ursprünglichen Land, das beide vertrieb und das zeitlebens vergeblich auf deren Rückkehr wartete. Später bezieht der große Filmemacher auch eine kritische Stellung hinsichtlich des Vietnamkrieges, sprechen beide über die neue Schriftstellergeneration im Nachkriegsdeutschland, selbst die Philosophie kommt nicht zu kurz.
Ein Chaos an skurrilen Beziehungsgeflechten hat der amerikanische Autor Philip Roth mit seinen Buch Der Menschliche Makel (Hanser Verlag) zu bieten, in dem nicht nur menschliche Schicksale aufeinander prallen, sondern auch deren Herkunft und Status, was eben wie ein Makel an den Protagonisten hängt, äußerlich wie innerlich, der ihr ganzes Sein diktiert.
So, der Frühling hat ja rein kalendarisch angefangen, bleibt nur zu hoffen, dass sich das auch langsam wettertechnisch umsetzt, auch wenn wir noch den April dazwischen haben, damit sich das Bücherlesen – gemächlich aber sicher – unter anderem wieder nach draußen verlagern lässt; der Winter war ja lang genug. In der Hoffnung, ihr habt vielleicht wieder etwas zum Schmökern gefunden, verabschiedet sich der Verfasser dieser Zeilen. Bis zum nächsten Mal.
Euer
Arthur Coffin | Website unseres Kolumnisten