Es ist Sommer in Berlin! Die Stadt, die in der kalten Jahreszeit fast nicht auszuhalten ist, versucht in die Gänge zu kommen; noch lassen Sonne, strahlend blauer Himmel und lauwarme Nächte, in denen sich Vergnügungssüchtige von Kneipe zu Kneipe und von Club zu Club treiben lassen, auf sich warten. Aber, es gibt ja noch den Fußball, die Weltmeisterschaft, gerade am laufen, Millionen in aller Welt vor die Kiste ziehend, Emotionen hochkochen, Hoffnungen aufkeimen und Träume zerplatzen lassend. Ein unendliches Meer an nuke_stories von Davids, die Goliaths besiegen, von alten, neuen oder gefallenen Helden. Welttheater mit einer sich verselbständigenden Dramaturgie. Archaisch und modern zugleich. Gehört das runde Leder auf eine Literaturwebseite? Und wie!
Schließlich wurde diesem, teilweise sehr harten Mannschaftssport, so manches Buch gewidmet. Und warum? Weil zum Beispiel fast jeder was über den Fußball zu sagen hat. Von Nick Hornby bis Franz Beckenbauer. Es ereifern sich Psychologen, Soziologen, Päpste, Historiker, Fans, Sportler und natürlich die Politiker über dieses Massenphänomen. Und Rainer Moritz hat’s versucht! Indem er unter anderem Günter Grass sowie Lothar Matthäus und viele mehr zu Wort kommen lässt. Indem er diese Berühmtheiten für seine Leidenschaft instrumentalisiert, entgegen aller, die da meinen: „Fußball? Da laufen doch 22 bescheuerte hinter einem Ball her!“ Für alle, die dem nicht zustimmen, und das sind viele, sei diese Lektüre empfohlen: „Vorne fallen die Tore. Fußball – von Sokrates bis Rudi Völler.“ – Viel Spaß dabei!
Marcel Reich Ranicki zwei Mal ermordet! Erst mordete Martin Walser, in „Tod eines Kritikers“, jetzt schwingt Bodo Kirchhoff die literarische Axt, lässt auch einen Großkritiker über die Klinge springen. Im „Schundroman“ wird dieser „versehentlich“ während der Frankfurter Buchmesse getötet, die Öffentlichkeit vermutet, dass zwei Literaten dahinter stecken, die frappierende Ähnlichkeit mit den echten Walser und Grass haben. So sehen zeitgemäße Romane aus; das Mediale in den Vordergrund stellend. Und noch was mag da einem in den Sinn kommen: Deutlicher kann sich neue Literatur, in Bezug auf den etablierten Literaturbetrieb, nicht zur Wehr setzen. Nur; was macht dieser Roman beim Suhrkamp Verlag? Und Günter Grass ist aus dieser Kolumne auch nicht mehr wegzudenken. Der Mann schaltet sich einfach immer und immer wieder ins öffentliche Geschehen ein. Wenn’s kein anderer aus der Literatenzunft macht. Er empörte sich über den sogenannten Feuilletonistenstreit zwischen FAZ und SZ, wobei er meinte, dass es nicht mehr um das neue Buch Walsers an sich ginge, sondern nur noch um Meinungen bestimmter Starkritiker. Ferner fügte er hinzu, dass keiner, der sich ernsthaft mit dem Lebenswerk des umstrittenen Autors auseinandersetze, auf die Idee käme, diesen des Antisemitismus zu bezichtigen. Und im Wahlkampf zur kommenden Bundestagswahl will sich Grass auch noch einschalten. Sein erklärter Gegner ist natürlich Stoiber, der große Freund Haiders. Mit der Unterstützung der rot – grünen Koalition möchte sich der 74 – jährige gegen die Medialisierung der Politik einsetzen und sagte dazu: „Ich werde helfen zu verhindern, dass es in Deutschland "berlusconihafte" Verhältnisse geben wird. Mediale Macht mit einem politischen Amt zu verbinden, zerstört automatisch die Demokratie." Und warum wird Gerhard Schröder unter anderem auch „Medienkanzler“ genannt?
Dass Literatur gegen gesellschaftliche Strömungen schwimmt, dies sogar muss, ist Gesetz. So ist der Tod, normalerweise ein Tabuthema, für unzählige nuke_stories der Motor. Liane Dirks beschreibt die Geschichte eines Verstorbenen, nach karibischer Tradition, eine von vier Arten, einen Menschen zu beerdigen. Nachgezeichnet wird eine wohlbehütete Kindheit, Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg, eine großartige berufliche Karriere danach. Und er, der Beschriebene, vergewaltigt Frauen, darunter auch seine eigenen Töchter. „Vier Arten, einen Menschen zu beerdigen.“ ist Kiepenheuer Verlag erschienen.
DDR. Vorwendezeit. Zwischen Punkkonzerten, Protesten und dem Versuch, im pubertärem Wahn, sich der Intellektualität hinzugeben, dann noch verliebt sein, davon erzählt André Kubiczek in „Junge Talente“, irgendwie ein No Future Roman, diesmal Version Ost. Dennoch mag es interessant sein, wie Gegenkultur und alternatives Denken im „anderen Deutschland“ ausgesehen haben mag, vielleicht auch gerade dann, wenn ein von Homophobie geleiteter Suchender einem schwulen Anarchisten verfällt. Ein teils psychologischer, teils lyrischer, teils emotionaler Roman.
Afrika! Als diese Kolumne irgendwann ihren Anfang nahm, ging es viel um afrikanische Literatur. Es schien, als ob auf jenem Kontinent ein literarischer Aufschwung im Gange war. Es ging viel um Politik, Utopien und Menschenrechte. Und so, wie man den Fußballteams dieses Kontinents bei der Weltmeisterschaft insgeheim Erfolg wünscht, so sieht man es auch gerne, wie die Menschen des genannten Erdteils auch andere Errungenschaften vorweisen können. Chinua Achebe, der als Urvater der modernen, afrikanischen Literatur gilt, hat erst kürzlich den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen bekommen. Der Nigerianer habe, so die Verleiher, die Geschichte Afrikas immer aus der Sicht der Afrikaner, insbesondere die Auswirkung der Kolonialisierung und den Zusammenprall zwischen europäischer und afrikanischer Kultur, beschrieben und dabei den Trend zur englischen Erzählstruktur vermieden. Sein Verdienst sei insbesondere jener gewesen, sich ausgiebig dem Thema Friedenslösungen gewidmet zu haben, die Regionen galten, die einen permanenten Kulturkonflikt ausgesetzt waren und sind. Der mit 15 000 Euro dotierte Preis wird dem Erzähler, Lyriker und Essayisten am 13. Oktober während der Frankfurter Buchmesse in der Paulskirche überreicht.
So, das war’s mal wieder für diesen Monat. In der Hoffnung, dass der Leser was für die Befriedigung seiner Leselust gefunden hat, wünscht der Verfasser dieser Zeilen allen noch einen schönen Frühsommer. Bis im Juli! Euer Arthur Coffin!