Probleme mit dem Rechner haben tatsächlich das Potential, den zur Maschine gehörenden Anwender in den Wahnsinn zu treiben. Gegen Reparaturdienste, die versprechen, einen Computerschaden binnen drei Tage zu beheben und einen aber zehn warten lassen, die sich darüber hinaus am Telefon, wenn man sich über jenen, zeitlich unguten Umstand beschweren möchte, unumgänglich und dreist geben, ist jedoch kein Kraut gewachsen.
Vorteil der sich daraus ergebenden, computerfreien Tage: Senkung der Onlinekosten. Nachteil: Terminliche Verschiebungen drastischster Art. Aber auch im Juni, dem hoffentlichen Vorboten eines vielversprechenden Sommers in jeder Hinsicht, soll sie erscheinen, die monatliche Literaturkolumne auf unser aller Lieblingswebseite, literature.de, die ja neuerdings im neuen Gewand erscheint.
Eines der schönsten Bücher aus dem Bereich der Sekundärliteratur über Bertolt Brecht mag wohl das kleine und gut lesbare Werk "Erinnerung an Brecht" sein, das im Suhrkamp Verlag erschienen ist. Der Verfasser, ein langjähriger Freund des Portraitierten, ist leider vor kurzem, im segenreichen Alter von 94 Jahren gestorben. Sein Name, Hans Mayer, ist schon jetzt Literaturgeschichte.
Der postmortale Ruhm des selbstinszenierenden, selbstzerstörerischen genialen Egomanen, dem aber auch ein gutes Herz in der Brust pochte, scheint nicht abzureißen. Wer den Film über Klaus Kinski gesehen hat, jenen von Werner Herzog, kann sich dahingehend ein ungefähres Bild machen. Die Tonträger, die es von ihm gibt, auf denen er Gedichte von Francois Villon, Oscar Wilde, Goethe und Friedrich Schiller spricht, schreit oder wimmert, zeigen zudem einen großen Verehrer der Lyrik. Nun sind plötzlich Kinskis eigene Gedichte, die er in jungen Jahren schrieb, aufgetaucht. Die Veröffentlichung kommt einer kleinen Sensation gleich, der Herausgeber, Peter Geyer, ersteigerte das Manuskript mit den wütenden, dynamischen und zum teil erotischen Texten, die Titel wie "Das Tier", "Ich - Gegensatz - Gegen mich selbst" und "Im Sterben bin ich teuer" tragen, für 3500 DM. Der Titel des im Eichborn Verlag erschienenen Buches ist zwar etwas reißerisch, aber er hält was er verspricht: "Klaus Kinski. Fieber. Tagebuch eines Aussätzigen"
Um bei der Lyrik zu bleiben, wir denken an die Kolumne im Vorgängermonat, der ja dieser Literaturgattung eher wenig Tribut zollte, muss noch folgendes Buch erwähnt werden: Dao Bei "Post bellum" Gedichte aus dem Chinesischen ( Hanser Verlag ). Tradition und Bodenständigkeit erleben eine Konfrontation mit dem Heute. Politik blitzt zwischen den Zeilen auf, wo etwa "Kinder auf Befehl die Verteidigungslinie der Bücher durchdringen" und Roadmovieromantik sich wehmütig dem "zirpen der Zikaden in der Einöde" widmet.
Wortakrobat, Sinnakrobat, das war Ernst Jandl. Seine Gedichte tangieren das Leben, Gott, vor allem aber den Tod; radikal in Form und Inhalt brachten sie die Leser und Fans des Österreichers seit jeher zu einem schadenfreudigen Lächeln, wenn nicht sogar Lachen, anstelle einer resignierenden Verzweiflung. Der Luchterhand Literaturverlag veröffentlichte jetzt das Buch "Letzte Gedichte", indem sich zeigt, wie wegweisend und individuell das Poetische an sich sein kann, wo sich vor allem die sogenannten Pop- und Surfliteraten eine Scheibe abschneiden sollten.
Er schmeißt stapelweise alte Bücher ins und aufs Publikum, lässt aufziehbares Spielzeug auf der Bühne herumfahren, würfelt die Worte, die er kanonensalvenartig ausspuckt, wild durcheinander, erzählt entweder kleine aberwitzige nuke_stories, oder entfremdet Worte lautmalerisch. Michael Lentz hat sich aber diesmal ganz wissenschaftlich betätigt, um ein zweibändiges Werk über die sogenannte Lautpoesie, die naturgemäß den musikalischen Bereich streift, ja hin und wieder für sich vereinnahmt, zu verfassen ( Michael Lentz: "Lautpoesie/ - Musik nach 1945." Eine kritisch - dokumentarische Bestandsaufnahme. Edition Selene), wobei es sich um einen Streifzug durch den Expressionismus und Dadaismus handelt, auf dessen Wegstrecke sich Namen wie Franz Mon oder Paul de Vree finden. Auch historische Künstlervereinigungen wie die Wiener Gruppe oder die Lettristen werden hier genannt.
"Die Klavierspielerin", einer der zahlreichen Filme, der in Cannes gezeigt wurde, dürfte nicht nur die Cineasten, sondern auch die Bücherwürmer erfreuen, da es sich beim besagten Streifen um eine Jelinek-Verfilmung handelt, die unter dem Filmemacher Michael Haneke entstanden ist. Eine junge, auf Schubert und Schumann spezialisierte Berufspianistin wohnt noch mit ihrer Mutter zusammen, die sie auf allen Ebenen des täglichen Seins zu kontrollieren scheint. Die neurotische Drehung kommt dadurch zustande, dass die schüchterne und rationale Protagonistin scheinbar ein Doppelleben führt. Denn, lässt sie ihre Finger mal nicht über die Tasten gleiten und ist außer Reichweite der alles bestimmenden Mutter, tingelt sie durch die Sexshops und Videokabinen der Stadt und beobachtet sich unbeobachtet fühlende Paare in deren Autos auf den Parkplätzen. Die Verkorkstheit kulminiert in ihrer versuchten Liebesbeziehung zu einem, wie soll es auch anders sein, jungen Klavierspieler. Wenn man es nicht besser wüsste, würde man vielleicht an einen dieser neueren französischen Filme hinsichtlich des Plots denken.
Einer der vielen Bonuspunkte, die Star Treck - Die nächste Generation so sehenswert machten und machen, mag wohl der klassisch - romantisch - humanistisch veranlagte Captain sein, der immer wieder aus Shakespearetexten zitiert. In dem vorletzten Kinofilm spielte Herman Melvilles "Moby Dick" eine tragende Rolle. Jetzt wurden Melvilles "Reisetagebücher" im Verlag Achilla veröffentlicht. Nicht nur die literarische Vorarbeit zum berühmtesten Walfang aller Zeiten ist hier festzustellen, sondern auch dessen Liebeserklärung an Köln, die auf 1849 datiert ist.
Zum Abschluss, damit es noch etwas spannend wird, ein Ruhrpott - Krimi, dessen Handlung sich bis ins Amsterdamer Rotlichtmilieu zieht und von Ex - Junkies und entführten Millionenerben erzählt. "Der Willy ist weg", Titel des Buchs, das aus der Feder des Gewinners des Deutschen Krimi Preises von 1999 Jörg Juretzka stammt. Erschienen ist der raue und skurrile Roman im Hamburger Rotbuch Verlag.
So, die Mieten und sonstigen Rechnungen sind bezahlt - gut, die eine oder andere Mahnung muss noch beglichen werden - die Kolumne ist auch im Kasten, für Lesestoff ist auch gesorgt - "Verstörung" von Thomas Bernhard. Der Verfasser dieser Zeilen startet optimistisch in den neuen Monat, selbst mit diesem besagten Roman. Vielleicht wurdet ihr nicht nur angeregt, euch das eine oder andere Buch zuzulegen, sondern geht demnächst in die nächste Videothek, um ein paar alte Science - Fiction Schinken auszuleihen. Seid getrost! Das geht völlig in Ordnung, letztlich kommt es ja auf die Dosierung an.
In diesem Sinne: Viel Spaß beim Lesen vom Unterhaltsamen, Schwerverdaulichen, Lakonischen, Traurigen, Ernsten, Kontroversen, Interessanten, Langweiligen und so weiter.