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März-Ausgabe PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Sven Trautwein, am 29-05-2001 12:44
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Da flüchtet man, verlässt die Pfalz, um eine neue Heimat in der Hauptstadt zu finden, um dann wiederum erkennen zu müssen, dass es eigentlich kein Entrinnen gibt. Berlin feierte im vergangenen Monat zum ersten mal wieder ausgiebigst Fasching, ließ den ersten großen Umzug seit 43 Jahren in Mitte vonstatten gehen und vereinnahmte mit dem ganzen Geschehen unerschöpflich die Sendezeiten der Lokalfernsehanstalten, ja sogar im Radio ertönten die Stimmen der Närrinnen und Narren. Also auch hier, mag man sich wohl denken, dieses Grauen, wobei man die Tage der Qualen mit einem einfachen Rezept überstehen konnte, zumindest galt jenes für diese Stadt: In den Außenbezirken bleiben und die medialen Geräusch- und Bildverbreiter ausschalten. Doch es gibt auch schönes zu berichten. Die Tage werden Länger, das merkt jeder, und im Filmmuseum gab es eine ganz interessante und absolut sehenswerte Fritz Lang Ausstellung zu sehen. Darüber hinaus gibt es noch über jede Menge Neuerscheinungen in der Welt der Bücher zu informieren. Warum eine große Einleitung schreiben - warum ausschweifen? Milan Kundera hat einen neuen Roman geschrieben, der jetzt im Hanser Verlag unter dem Titel "Die Unwissenheit" erschienen ist. Der Name des Schriftstellers, unzertrennlich mit Kunderas Welterfolg "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" verbunden, offenbart dessen wahre Existenz und Hauptthema zugleich: Der Immigrant, hin und her gerissen, zwischen Exil und Heimat, zwischen Gewöhnung ans Neue und Idealisierung der Vergangenheit, dem Misslingen, Vertrauen zu fassen und der Entfremdung der eigenen Herkunft. In seiner neuen Erzählung unterliegen alle Hauptfiguren diesem Schicksal in irgendeiner Art und Weise, basierend auf der eigenen Erfahrung des in Paris lebenden Schriftstellers. Sein Name wurde schon einige Male in der Kolumne erwähnt und er wird sicherlich noch desöfteren hier auftauchen. Der diesmalige Grund: Geburtstag. Wäre der Übertreibungskünstler Thomas Bernhard nicht 1989 in Gmunden gestorben, so hätte er im Februar das 70ste Lebensjahr erblickt. Zu diesem Anlass gibt es wieder einige Veröffentlichungen, die nicht vorenthalten werden dürfen. Eine interessante Herausgabe dürfte wohl zwei Autorinnen, Hilde Haider-Pregler und Birgit Peter gelungen sein, die eine kulinarische Lektüre, "Der Mittagesser", im Suhrkamp Verlag veröffentlichten, in der es nicht nur Rezepte der Lieblingsgerichte des Österreichers zu lesen gibt, sondern auch die Rolle des Essens in dessen Literatur eingehend betrachtet wird. Weitere Neuerscheinungen: Rudolf Brändle, "Zigeunerfreundschaft. Erinnerungen an Thomas Bernhard" (Suhrkamp) und die Neuausgabe von Kurt Hoffmann, "Aus Gesprächen mit Thomas Bernhard" (dtv). Limitierte Auflage! Hier macht Namedropping spaß: Delmore Schwartz, Kenneth Patchen, Langston Hughes, Conrad Aiken, W. C. Williams, Allen Ginsberg, Ezra Pound und noch einige mehr, versammelt im Originalton auf 14 CDs, mit einer Laufzeit von etwa 890 Minuten, machen es klar: Amerika hatte und hat seine ganz eigene Literatur, die oftmals daran zu erkennen ist, dass sie bevorzugt die Dinge an sich und das Individuum, anstelle von Metaphern und Menschheit, in den Vordergrund stellt; und doch läuft das Erstere auf Letzteres hinaus. Oder ist das eine subjektive Angelegenheit der Leserschaft? Wer weiß. Sich diese vom HörVerlag herausgegebene Sammlung anzuschaffen kommt wohl einem geistigen und langen Reiseprojekt nahe, dem man sich wohl gut vorbereitet nähern sollte. Ein sicherlich lohnenswertes Unterfangen, nicht nur für die Fans der Beatgeneration. In einer Berliner Zeitschrift war zu lesen, dass der Vertigo Verlag (Krimis und Drehbücher) Autorinnen und Autoren sucht, die sich dem Thema "Mord und andere Verbrechen in der Bergwelt" widmen möchten. Der Einsendeschluss, verlangt sind Kurznuke_stories von mindestens 20 Seiten, ist der 31. März. Und hier, damit keiner lang suchen muss, die Adresse: Vertigo Verlag - Metzstr. 25 - 81667 München; E-Mail: Ein Debütroman, dessen Handlung aktuelle Themen wie Rassismus, Krieg, Geschlechterkämpfe, Wandlungen in einer modernen westlichen Gesellschaft authentisch aufzeigt, hier England, insbesondere London, kann nur aus der Feder einer Schriftstellerin stammen, die selbst einem multikulturellen Hintergrund entstammt. Zadie Smith ist Britin jamaikanischer Herkunft. Ihr Erstlingswerk nennt sie einfach und zugleich kämpferisch: "Zähne Zeigen" (Droemer Verlag). Und nun zum Jazz. Eine Geschichte über einen Gymnasiasten, der in einer Musikkapelle spielt, dessen Dasein durch sein eigenes Erwachsenwerden - er möchte ein Mädchen, das ihn nicht will - ganz klassisch erschwert wird. Was ist das Besondere an diesem Buch? Es ist das Erstlingswerk Josef Skvoreckys- erste Veröffentlichung 1958- das sich im Prag der letzten Tage des Zweiten Weltkriegs abspielt. Der Junge ist arrogant und sarkastisch, der Autor selbst unternimmt mit seiner Hauptfigur Streifzüge durch die Sexualität eines Heranwachsenden, was das Erscheinen der Ersauflage vorerst problematisierte, nicht nur der damaligen Regierung wegen, nein, der Schreiber selbst fürchtete sich. "Feiglinge" wurde jetzt wieder im Deuticke Verlag neu herausgegeben. "Der Krapfen auf dem Sims" (Alexander Feist Verlag), der Titel eines Buchs vom Essayisten und Betrachter Max Gold in dem es eben Betrachtungen und Essays zu lesen gibt - und zwar herrlich gemeine noch dazu. So zeigt der Schreibende in einem Text auf einen Kinderspielplatz und meint: "Was könnte das für ein schöner Biergarten sein." Gibt es dem noch was anzufügen? Den Gedichtefreundinnen- und Gedichtefreunden mag wohl eine Leseprobe der neu erschienenen Anthologie "Warenmuster, blühend", erschienen im Verlag im Waldgut und von Alexandra Stäheli und Florian Vetsch herausgegeben, angeraten sein. Die Namen der beiden Herausgeber lassen erkennen, dass es sich hier um zwei Schweizer handelt, der Band selbst ist aus einer Wochenzeitung des Herkunftslandes der beiden hervorgegangen. Das Programm lautet: Gedichte aus aller Welt. Eine gute Gelegenheit, um Neues, dies möglichst vielseitig, kennen zu lernen. Leider wieder am Ende, nur, dieser Gedichtband des Alexander Lernet - Holenia, bedarf nicht nur des wunderschönen Titels wegen einer Erwähnung, der da heißt: "Fragmente aus verlorenen Sommern" (Zolnay Verlag). Prosaähnliche Poesie die ehrlich, nachvollziehbar und dennoch nicht zu banal wirkt. So, Märzausgabe, Frühlingsanfang, Altes und Neues. Wie gerne würde der Verfasser dieser Zeilen mit einem Hemingway Zitat abschließen, was aufgrund momentaner Unverfügbarkeit nicht möglich ist, dafür bestimmt beim nächsten Mal. So hat ein Anderer das letzte Wort, nämlich Brecht, der in einem Gedicht schrieb: In mir streiten sich - Die Begeisterung über den blühenden Apfelbaum - und das Entsetzen über die Reden des Anstreichers - aber nur das zweite - Drängt mich zu Schreibtisch. In diesem Sinne, viel Spaß mit den Neuentdeckungen, die ihr im kommenden Monat hoffentlich machen werdet. Euer Arthur Coffin

Letztes Update: 29-05-2001 12:44

Veröffentlicht in : Magazin, Kolumne
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