Da flüchtet man, verlässt die Pfalz, um eine neue Heimat in
der Hauptstadt zu finden, um dann wiederum erkennen zu müssen, dass es
eigentlich kein Entrinnen gibt.
Berlin feierte im vergangenen Monat zum ersten
mal wieder ausgiebigst Fasching, ließ den ersten großen Umzug seit 43 Jahren in
Mitte vonstatten gehen und vereinnahmte mit dem ganzen Geschehen unerschöpflich
die Sendezeiten der Lokalfernsehanstalten, ja sogar im Radio ertönten die
Stimmen der Närrinnen und Narren. Also auch hier, mag man sich wohl denken,
dieses Grauen, wobei man die Tage der Qualen mit einem einfachen Rezept
überstehen konnte, zumindest galt jenes für diese Stadt: In den Außenbezirken
bleiben und die medialen Geräusch- und Bildverbreiter ausschalten. Doch es gibt
auch schönes zu berichten. Die Tage werden Länger, das merkt jeder, und im
Filmmuseum gab es eine ganz interessante und absolut sehenswerte Fritz Lang
Ausstellung zu sehen. Darüber hinaus gibt es noch über jede Menge
Neuerscheinungen in der Welt der Bücher zu informieren.
Warum eine große Einleitung schreiben - warum ausschweifen? Milan
Kundera hat einen neuen Roman geschrieben, der jetzt im Hanser Verlag
unter dem Titel "Die Unwissenheit"erschienen ist. Der Name des
Schriftstellers, unzertrennlich mit Kunderas Welterfolg "Die unerträgliche
Leichtigkeit des Seins" verbunden, offenbart dessen wahre Existenz und
Hauptthema zugleich: Der Immigrant, hin und her gerissen, zwischen Exil und
Heimat, zwischen Gewöhnung ans Neue und Idealisierung der Vergangenheit, dem
Misslingen, Vertrauen zu fassen und der Entfremdung der eigenen Herkunft. In
seiner neuen Erzählung unterliegen alle Hauptfiguren diesem Schicksal in
irgendeiner Art und Weise, basierend auf der eigenen Erfahrung des in Paris
lebenden Schriftstellers.
Sein Name wurde schon einige Male in der Kolumne erwähnt und
er wird sicherlich noch desöfteren hier auftauchen. Der diesmalige Grund:
Geburtstag. Wäre der Übertreibungskünstler Thomas Bernhard nicht 1989 in
Gmunden gestorben, so hätte er im Februar das 70ste Lebensjahr erblickt. Zu
diesem Anlass gibt es wieder einige Veröffentlichungen, die nicht vorenthalten
werden dürfen. Eine interessante Herausgabe dürfte wohl zwei Autorinnen, Hilde
Haider-Pregler und Birgit Peter gelungen sein, die eine kulinarische
Lektüre, "Der Mittagesser", im Suhrkamp Verlag veröffentlichten,
in der es nicht nur Rezepte der Lieblingsgerichte des Österreichers zu lesen
gibt, sondern auch die Rolle des Essens in dessen Literatur eingehend
betrachtet wird. Weitere Neuerscheinungen: Rudolf Brändle, "Zigeunerfreundschaft.
Erinnerungen an Thomas Bernhard" (Suhrkamp) und die Neuausgabe von Kurt
Hoffmann, "Aus Gesprächen mit Thomas Bernhard" (dtv).
Limitierte Auflage! Hier macht Namedropping spaß:
Delmore Schwartz, Kenneth Patchen, Langston Hughes, Conrad Aiken, W. C.
Williams, Allen Ginsberg, Ezra Pound und noch einige mehr, versammelt im
Originalton auf 14 CDs, mit einer Laufzeit von etwa 890 Minuten, machen es
klar: Amerika hatte und hat seine ganz eigene Literatur, die oftmals daran zu
erkennen ist, dass sie bevorzugt die Dinge an sich und das Individuum, anstelle
von Metaphern und Menschheit, in den Vordergrund stellt; und doch läuft das
Erstere auf Letzteres hinaus. Oder ist das eine subjektive Angelegenheit der
Leserschaft? Wer weiß. Sich diese vom HörVerlag herausgegebene Sammlung
anzuschaffen kommt wohl einem geistigen und langen Reiseprojekt nahe, dem man
sich wohl gut vorbereitet nähern sollte. Ein sicherlich lohnenswertes
Unterfangen, nicht nur für die Fans der Beatgeneration.
In einer Berliner Zeitschrift war zu lesen, dass der
Vertigo Verlag (Krimis und Drehbücher)Autorinnen und Autoren sucht,
die sich dem Thema "Mord und andere Verbrechen in der Bergwelt" widmen möchten.
Der Einsendeschluss, verlangt sind Kurznuke_stories von mindestens 20 Seiten,
ist der 31. März. Und hier, damit keiner lang suchen muss, die Adresse: Vertigo
Verlag - Metzstr. 25 - 81667 München; E-Mail:
Ein Debütroman, dessen Handlung aktuelle Themen wie Rassismus,
Krieg, Geschlechterkämpfe, Wandlungen in einer modernen westlichen Gesellschaft
authentisch aufzeigt, hier England, insbesondere London, kann nur aus der Feder
einer Schriftstellerin stammen, die selbst einem multikulturellen Hintergrund
entstammt. Zadie Smith ist Britin jamaikanischer Herkunft. Ihr
Erstlingswerk nennt sie einfach und zugleich kämpferisch: "Zähne Zeigen"
(Droemer Verlag).
Und nun zum Jazz. Eine Geschichte über einen Gymnasiasten,
der in einer Musikkapelle spielt, dessen Dasein durch sein eigenes
Erwachsenwerden - er möchte ein Mädchen, das ihn nicht will - ganz klassisch
erschwert wird. Was ist das Besondere an diesem Buch? Es ist das Erstlingswerk Josef
Skvoreckys- erste Veröffentlichung 1958- das sich im Prag der letzten Tage
des Zweiten Weltkriegs abspielt. Der
Junge ist arrogant und sarkastisch, der Autor selbst unternimmt mit seiner
Hauptfigur Streifzüge durch die Sexualität eines Heranwachsenden, was das
Erscheinen der Ersauflage vorerst problematisierte, nicht nur der damaligen
Regierung wegen, nein, der Schreiber selbst fürchtete sich. "Feiglinge"wurde
jetzt wieder im Deuticke Verlag neu herausgegeben.
"Der Krapfen auf dem Sims" (Alexander Feist Verlag),
der Titel eines Buchs vom Essayisten und Betrachter Max Gold in dem es eben
Betrachtungen und Essays zu lesen gibt - und zwar herrlich gemeine noch dazu.
So zeigt der Schreibende in einem Text auf einen Kinderspielplatz und meint:
"Was könnte das für ein schöner Biergarten sein." Gibt es dem noch was
anzufügen?
Den Gedichtefreundinnen- und Gedichtefreunden mag wohl eine
Leseprobe der neu erschienenen Anthologie "Warenmuster, blühend",
erschienen im Verlag im Waldgut und von Alexandra Stäheli und Florian
Vetsch herausgegeben, angeraten sein. Die Namen der beiden Herausgeber
lassen erkennen, dass es sich hier um zwei Schweizer handelt, der Band selbst
ist aus einer Wochenzeitung des Herkunftslandes der beiden hervorgegangen. Das
Programm lautet: Gedichte aus aller Welt. Eine gute Gelegenheit, um Neues, dies
möglichst vielseitig, kennen zu lernen.
Leider wieder am Ende, nur, dieser Gedichtband des Alexander
Lernet - Holenia, bedarf nicht nur des wunderschönen Titels wegen einer
Erwähnung, der da heißt:"Fragmente aus verlorenen Sommern" (Zolnay Verlag).
Prosaähnliche Poesie die ehrlich, nachvollziehbar und dennoch nicht zu banal
wirkt.
So, Märzausgabe, Frühlingsanfang, Altes und Neues. Wie gerne
würde der Verfasser dieser Zeilen mit einem Hemingway Zitat abschließen,
was aufgrund momentaner Unverfügbarkeit nicht möglich ist, dafür bestimmt beim
nächsten Mal. So hat ein Anderer das letzte Wort, nämlich Brecht, der in
einem Gedicht schrieb: In mir streitensich - Die Begeisterung
über den blühenden Apfelbaum - und das Entsetzen über die Reden des
Anstreichers - aber nur das zweite - Drängt mich zu Schreibtisch.
In diesem Sinne, viel Spaß mit den Neuentdeckungen, die ihr
im kommenden Monat hoffentlich machen werdet.
Euer
Arthur Coffin