Nur ein Sturm im Wasserglas? Michael Crichton in der Berliner Bertelsmann-Zentrale
Hoch schlugen die Wellen in den deutschen Feuilletons, als vor kurzem der neue Thriller Welt in Angst von Michael Crichton in die Buchläden kam. In kürzester Zeit hat der geistige Urheber von "Jurassic Park" wieder einmal die SPIEGEL-Bestsellerliste gestürmt: von Null auf Platz 6 in nur zwei Wochen. Bei dem erfolgreichsten deutschen Online-Buchversand amazon.de nimmt sein Roman seit heute sogar Platz 9 im Verkaufsranking ein. Dieser Erfolg war von allen Seiten bereits erwartet und mit Sorge kommentiert worden.
Die Rezensenten jedweder Couleur waren sich so gut wie einig: Dieses Buch ist wegen seiner optimistischen Klimabotschaft und seiner pseudowissenschaftlichen Kritik unverantwortlich und zeichne ein vollkommen verzerrtes Bild vom Umweltschutz und der Klimaforschung. Während die "Süddeutsche Zeitung" darauf hinwies, dass Crichton nicht als einflussloser "Demonstrant mit einem selbst gemalten Plakat vor dem Central Pak in New York" seine Botschaften propagiere und dementsprechend Gehör fände, klassifizierte ihn die "taz" aus Berlin als einen "besessenen Anhänger der Klimaskeptiker", der mit "seinem Buch der Politik Bushs in die Hände" spiele.
Gestern Abend nun hatten die Kritiker endlich Gelegenheit, Crichton bei der Präsentation seines Buches in der Berliner Bertelsmannzentrale mit ihren Fragen und Gegenpositionen zu konfrontieren. Zuvor aber trat der Feuilleton-Chef der WELT, Eckhard Fuhr, ans Rednerpult, um Crichton als "Fieberkurvenleser" der Gesellschaft vorzustellen, der trotz oder gerade wegen seines "Demaskierungseifers" zum "erfolgreichsten Startup-Unternehmer" im Verlagsgeschäft geworden sei. Mit jemandem, der wie Crichton "gegen das Lagerdenken" polemisiere, so Fuhr, sei eben "keine Partei zu gründen".
Davon versuchte Crichton seine Gäste nicht nur mit der bekannten Sentenz von Mark Twain Whenever you find yourself on the side of the majority, it is time to pause and reflect zu überzeugen. Sondern auch mit einer Power Point-Präsentation, die seine Skepsis an der von Menschenhand versachten Erwärmung der Erdatmosphäre noch einmal illustrieren sollte. An ausgewählten Grafiken demonstrierte er nicht ohne polemische Randbemerkungen die Vorläufigkeit und Relativität wissenschaftlicher Klimaprognosen und Methoden. Auch die von Klimaforschern oft genannten Ursachen für den Temperaturanstieg, wie etwa den steigenden Ausstoß von Kohlendioxid oder die Urbanisierung, zog Crichton in Zweifel.
Er selbst ist davon überzeugt, dass alle bisherigen Vorhersagen zu unsicher seien, um konkrete Umweltschutzmaßnahmen, wie sie etwa das Kyoto-Protokoll fordert, zu legitimieren. Vielmehr glaubt er an die Selbstheilungskräfte der Technik und des Wohlstands, die das Schlimmste verhindern könnten. Anschaulich gemacht hat Crichton dies an gleichfalls differenzierter zu beurteilenden Grafiken zum wachsenden Pro-Kopf-Einkommen der Industrienationen in den letzten Jahrhunderten und einer Flut kaum kommentierter Bilder, die beweisen sollten, wie unvorhersehbar und segensreich der technische Fortschritt im Grunde sei.
Entgegen aller Erwartungen blieb nach Crichtons Vortrag die kritische Diskussion aus. Und die einzige Frage, die von einem Schweizer Journalisten gestellt wurde, zielte in eine ganz andere Richtung. War der Wirbel um Crichtons provokante Thesen also doch nur ein Sturm im Wasserglas, der sich im schnelllebigen Mediengeschäft bald wieder legen wird? An diesem Abend konnte man diesen Eindruck gewinnen.