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Edgar Hilsenrath - Interview PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Jörg von Bilavsky, am 06-12-2004 13:30
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Edgar Hilsenrath - (c) Jörg von Bilavsky - Klick=gross"Ich bin ein ganz moderner Autor"
EDGAR HILSENRATH ÜBER LION FEUCHTWANGER, DEN BERUF ALS SCHRIFTSTELLER, ANTISEMITISMUS UND SEINEN GALGENHUMOR.

Herr Hilsenrath, sehen Sie eine Verbindung zwischen Ihrem eigenen schriftstellerischen Schaffen und dem Feuchtwangers?

Eigentlich nicht. Feuchtwanger hat einen ganz anderen Stil, viel altväterlicher und altmodischer. Ich bin ein ganz moderner Autor. Allerdings hat Feuchtwanger auch über jüdische Themen und Antinazi-Bücher geschrieben, insofern ist hier schon eine Verwandtschaft da. Außerdem war ich immer ein Fan von Feuchtwanger. Was verstehen Sie unter dem Begriff "Aufklärung", in deren Geist Sie nach Meinung der Jury schreiben und denken?

Ich würde nicht sagen, dass ich im Sinne der Aufklärung schreibe. Ich schreibe einfach gegen Gewalt und Unmenschlichkeit an und gegen die Diktatur der Hitler-Herrschaft.

Wie ich in einem Interview mit Ihnen gelesen habe, sollte man am besten nicht Schriftsteller werden.

Ja, es ist ein sehr entbehrungsreicher Beruf und sehr frustrierend, weil man oft ein Leben lang wartet, bis der Erfolg kommt. Das ist gewissermaßen ein Hungerberuf. Mein Vater war immer dagegen, dass ich Schriftsteller werde. Aber ich war nicht mehr zu halten, ich musste schreiben, es war eine Notwendigkeit.

Sie haben einmal gesagt, dass von Seiten der Nicht-Juden den Juden gegenüber eine neue Art der Gleichgültigkeit herrsche. Die breite Diskussion über die Verfehlungen von und die Angriffe auf Michel Friedman zeigen ein anderes Bild.

Was Michel Friedman betrifft, glaube ich schon, dass es eine gewisse Häme gab, hintergründig vielleicht antisemitisch. Ich glaube, er war einfach unbeliebt bei den meisten Leuten, weil er sehr provozierend war. Seine jüdische Abstammung war ein Grund für viele Leute, ihn ganz besonders abzuwerten.

Ich habe hier zwei Zitate von Albert Einstein zum Judentum und würde gerne wissen, ob Sie seine Ansichten teilen:
"Ich bin Jude und freue mich, dem jüdischen Volk anzugehören, wenn ich dasselbe auch nicht für das Auserwählte halte. Lassen wir doch ruhig dem Arier seinen Antisemitismus und bewahren uns die Liebe zu unseresgleichen."


Ich habe nie bereut, dass ich Jude war und es auch nie verleugnet. Und ob wir Gottes auserwähltes Volk sind, ist eine biblische Frage. Ich selber bin Atheist und glaube sowieso an gar nichts. Es ist sehr schwer, Jude zu sein. Wir wurden jahrtausendelang verfolgt, und die Verfolgung besteht immer noch. Ich selbst fühle mich sehr verbunden mit dem jüdischen Volk, besonders durch den Holocaust und die Vergangenheit.

Ein weiteres und sehr zynisches Zitat von Einstein:
"Ich glaube, dass das deutsche Judentum dem Antisemitismus seinen Fortbestand verdankt."


Juden überhaupt waren immer ein Dorn im Auge, nicht nur in Deutschland, sondern auch in Polen, der Ukraine und den Ost-Staaten. Die Juden waren im Begriff sich vollständig zu assimilieren und zu integrieren. Und durch den Antisemitismus wurden sie gezwungen, sich zum Judentum zu bekennen.

Derzeit wird intensiv über die Probleme der multikulturellen Gesellschaft diskutiert. Haben Sie den Eindruck, dass die Diskussion um "Leitkultur" und "Multikulti" etwas bringt?

Leitkultur ist ein unglückliches Wort. Natürlich sollten sich die Ausländer dem Land hier anpassen und insofern die "Leitkultur" akzeptieren. Die kulturellen Unterschiede sind aber berechtigt. Warum sollen sie eine Kultur vollständig aufgeben? Ich glaube, dass es nicht schaden kann, wenn wir "Multikulti" sind.

Ihre Romanfiguren sind oft mit einer gehörigen Portion Selbstironie gezeichnet. Gehört Selbstironie auch zu einem Ihrer eigenen Charakterzüge?

Als Jugendlicher hatte ich überhaupt keinen Humor. Den habe ich mir später angeeignet, durch Enttäuschung wahrscheinlich. Das schlug bei mir in eine Art Galgenhumor um. Und diesen habe ich dann auch als eine Art Waffe gegen Enttäuschungen eingesetzt. Es hängt damit zusammen, dass ich mit Humor meine eigene Vergangenheit besser bewältigen konnte. Außerdem amüsiere ich mich selbst über einige meiner Gestalten, die in jedes Fettnäpfchen treten. Das macht mir Spaß, diese Art Ironie zu benützen.

Darf Satire alles, wie Tucholsky einmal geschrieben hat?

Es hängt davon ab, ob es mein eigenes Gefühl der Anständigkeit verletzt und welches Thema berührt wird. Allgemein würde ich sagen, dass Satire in jeder Hinsicht angewandt werden kann.

Wie sieht Ihr nächstes Buchprojekt aus?

Es ist eine Art Berlin-Roman, es ist halb autobiographisch. Es handelt von meiner Rückkehr nach Deutschland und nach Berlin und beschreibt den Mauerfall, die Begegnungen mit Leuten. Und wie in all meinen Büchern kommen auch wieder viele Frauen, viel Erotik vor. Es ist ein spannendes Buch. Übrigens ist es im Internet auszugsweise veröffentlicht.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Hilsenrath.

Der Auszug aus dem noch unveröffentlichten Roman von Edgar Hilsenrath findet sich hier online

Redakteur & Foto (c): Jörg von Bilavsky

  • Lion-Feuchtwanger-Preis an Edgar Hilsenrath
  • Bücher von Edgar Hilsenrath in unserem Buchshop


  • Letztes Update: 06-12-2004 13:30

    Veröffentlicht in : Autoren Info, Interviews
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