Edgar Hilsenrath erhielt am 27.11. den Lion-Feuchtwanger-Preis 2004.
Am letzten Samstag wurde dem 78-jährigen Schriftsteller Edgar Hilsenrath in der Berliner Akademie der Künste für sein Lebenswerk der diesjährige Lion-Feuchtwanger-Preis überreicht. Der mit 7.500 Euro dotierte Literaturpreis für historische Prosa ging an einen Autor, der nach Meinung der Jury "in Deutschland zu wenig Beachtung fand" und dem es meisterlich gelänge, "seine Leser in die Geschichte des 2. Jahrtausends mitzunehmen, in deren katastrophischen Kern ihn seine eigene Biographie führte."
"Schreiben im Geist der Aufklärung", heißt es in der Begründung, "war und ist, ganz im Sinne Lion Feuchtwangers, das Anliegen und die Kunst Edgar Hilsenraths." Kunst und Person würdigten an diesem Abend der Präsident der Akademie der Künste, der Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg, und der aus Österreich stammende Lyriker, Autor und Regisseur Robert Schindel.
Zur Begrüßung der zahlreich erschienenen Gäste sprach Muschg von seinen eigenen, zwiespältigen Empfindungen bei der Lektüre von Hilsenraths ersten Büchern. Durfte man damals in den 60er und 70er Jahren von einem so politisch unkorrekten Buch wie Der Nazi & der Friseur fasziniert sein?, fragte er sich. Jenem Werk, in dem bereits der typische schnörkellose Stil des Autors und dessen unbefangene Haltung gegenüber der Shoah und dem Nationalsozialismus zum Ausdruck kam. Ja, heißt die Antwort des Gastgebers. Denn genau dieser, durch seine Texte provozierte Zwiespalt sei es, der die Erinnerung an die Judenvernichtung auch in Zukunft wach halte. Dabei hob Muschg hervor, dass Hilsenrath nie der Versuchung erlegen sei, sich mit moralisch anklagender Stimme in die öffentlichen Debatten zur Gedächtniskultur einzumischen.
Mit erzählerischer Geste ehrte der Laudator Robert Schindel seinen Freund und Kollegen. Er verglich Hilsenrath mit einem Fährmann auf dem mythischen Todesfluss Styx, der in die entgegengesetzte Richtung hin zum Leben rudere. Als Überlebender des Völkermords habe er die "flüsternden Klagen" der Opfer aus dem Totenreich auf ganz eigene Art zum Klingen gebracht. Und zwar als "Wortkino", wie Schindel seinen Erzählstil bezeichnete, durch den erst die ganze "Janusköpfigkeit von Barbarei und Menschenwürde" erfahrbar werde.
Hilsenrath selbst trug in schmunzelnder Lakonie zwei kurze Passagen aus seinen Büchern Fuck America. Bronskys Geständnis und Zibulsky oder Antenne im Bauch vor, in denen sein schwarzer Humor und makabrer Witz ebenso zum Ausdruck kam wie sein gebrochenes Verhältnis zu Amerika. Dem Land, das ihn von 1951 bis zu seiner Übersiedlung nach West-Berlin im Jahre 1975 zu seinen Bürgern zählte. Auf die Frage des Akademiepräsidenten, ob ihm noch etwas zu entlocken sei, antwortete der Autor mit einem schelmischen: NEIN.
Ein Interview mit Edgar Hilsenrath erscheint in Kürze bei literature.de.