14:30. Eigentlich hatte ich den Termin gar nicht eingeplant, denn im Programm stand lediglich „Ausgebucht“ – was sich aber nicht als Hinweis auf die Besucherzahl der Veranstaltung entpuppt, sondern als Titel des neuen Buches von Dieter Hildebrandt. Der gehe eigentlich überhaupt nicht gern auf die Buchmesse, wie er verrät, die deprimiere ihn eher – nur wenn er vor Publikum auftritt, dann hebe sich seine Stimmung, weswegen er jetzt gut gelaunt sei, mit der Messe habe das aber nichts zu tun.
Seit Hildebrandt im vergangenen Jahr die Sendung „Scheibenwischer“ verlassen hat, die mit seinem Namen untrennbar verbunden schien, ist er in ganz Deutschland mit verschiedenen Bühnenprogrammen unterwegs, lebt an die zweihundert Tage im Jahr im Hotel; vom Unterwegssein handelt auch „Ausgebucht“. Emsiger sei sein neues Leben ohne Fernsehen, sagt der Autor und Kabarettist im Interview, denn die Pausen, die fehlen im Leben ohne Kamera. Und manchmal komme ihm das Leben auf Tournee vor wie ein Film, „da verwechselt man schon mal die Fußgängerzonen, überall die gleichen Läden, man fühlt sich wie in einer Kulisse.“
Und schon ist Hildebrandt mittendrin in der Tirade auf seinen ehemaligen Arbeitgeber, das öffentlich-rechtliche Fernsehen: Kriechspuren zögen sich dort über die Gänge, das sei unglaublich. Den Scheibenwischer, der auch ohne Hildebrandt als Hauptakteur weitermacht und dem er auch nach seinem Weggang noch als Zuschauer und gelegentlicher Studiogast treu bleiben will, habe man auf 23:00 verlegt – so ginge man dort eben mit Sendungen um, die man unbequem finde, aber nicht so einfach absetzen könne. Zur besten Sendezeit zeige man dort eher harmlose Comedy, die Hildebrandt aber als vergängliches Phänomen betrachtet.
Auf die Frage, ob er sich vorstellen könne, als SPD-Anhänger für Gerhard Schröder in den Wahlkampf zu treten, läuft Dieter Hildebrandt sofort zu alter polit-kabarettistischer Hochform auf, spricht jetzt in seinen berüchtigten Schachtelsätzen, in denen in die Pointen sich zwischen den hastig eingeschobenen Nebensätzen verstecken. Nein, das könne er nicht, einmal, für Willi Brandt, habe er Wahlkampf gemacht, aber für Schröder würde er das nicht tun. „Ich bin ja grundsätzlich für Reformen, etwas anderes darf man ja schon gar nicht mehr sagen, wenn Journalisten zugegen sind“, so Hildebrandt, „ich bin aber weder für Schröder, noch für Merkel, ich bin im Grunde einfach nur ratlos.“ Im Grunde sei das mit Schröder und Merkel wie in Amerika: dort sind die Menschen auch unzufrieden mit Bush, haben aber gleichzeitig Angst, daß es mit Kerry noch schlimmer werde – das sei die globalisierte Ratlosigkeit. Daß die Menschen sich in Deutschland bei den nächsten Wahlen auch weiter rechtsextremen Parteien zuwenden, sei zu befürchten, aber man müsse sich hier auch einmal fragen, ob es demokratisch ist, wenn man eine antidemokratische Partei in die Regierung wählen kann – eine Spitze gegen das gescheiterte NPD-Verbotsverfahren.
Wenn man Hildebrandt bei seinen Ausführungen zuhört, merkt man, daß er im Herzen stets der politische Kabarettist geblieben ist. Und in dieser Rolle sieht er sich auch selbst: „Ich fühle mich nicht als Schriftsteller, sondern als Kabarettist, der auch Bücher schreibt. Ich beharre auch nicht darauf, daß die Leute meine Bücher lesen – es reicht mir, wenn sie sie kaufen.“