Wenn Brooklyn ein Gewissen hat, dann liegt es in den Büchern von Jonathan Lethem, zwischen Dean Street und Boerum Hill. Eine Hommage an den Stadtteil, wo er den Großteil seiner Kindheit und Jugend verbrachte und auch heute noch lebt. Die Dean Street war für ihn als Kind sein Zuhause, die er mit einer Wohnung am Bouerum Hill getauscht hat.
1964 in New York geboren, studierte er Freie Kunst und begann mit dem Schreiben. Neben der Gründung des Literaturmagazins "Fence" gab er verschiedene Anthologien heraus. Sein erster veröffentlichter Roman Gun, With a Occasional Music (Knarre mit Begleitmusik bzw. Der kurze Schlaf) wurde in acht Sprachen übersetzt. Mittlerweile sind fünf Romane erschienen.
Brooklyn als Urmodell
Brooklyn, so liest und erfährt man aus Büchern oder bei einem Besuch, definiert sich durch die Entfernung zu Manhattan. Die Enge, die einen dort umgibt, öffnet sich in Brooklyn zu einer Weite, die mit viel Grün und Bäumen einhergeht. Gerade viele Schriftsteller fühlten und fühlen sich in dieser Umgebung heimisch, deren neue Heimat in vielen Romanen ihren Niederschlag fand. Literarische Nachbarn wie Walt Whitman, Norman Mailer und viele andere haben Brooklyn in Büchern und Filmen in die Köpfe der Leser und Zuschauer eingebrannt.
Die Festung der Einsamkeit ist für Lethem sein persönlichstes Buch. Sein Protagonist Dylan entspringt nicht nur Lethems Phantasie, sondern auch seiner eigenen Biographie. Seine eigenen Erlebnisse flossen zu einem Großteil in den Charakter ein. Dylan lebt als einziger weißer Junge in der Nachbarschaft mit seiner Hippi-Mutter und seinem Vater in Brooklyn. Es ist das Brooklyn der späten 1960er Jahre. Doch große Freundschaften findet der Junge nach dem Umzug nach Brooklyn noch nicht. Es ist schwer für ihn, Anschluss zu finden. Nach dem plötzlichen Verschwinden seiner Mutter flüchtet sich sein Vater in die Malerei. Dylan ist auf sich alleine gestellt und die Suche nach der eigenen Identität beginnt. Auch hier werden autobiographische Züge deutlich: Nach dem Tod von Lethems Mutter, verschlägt es ihn zum Studium nach Berkeley. Abstand gewinnen - den Horizont erweitern. 12 Jahre werden es. Doch dann ist der Bann Brooklyns und der energiegeladenen Metropole New York zu groß.
Es sind die kleinen Geschichten, die Lethem täglich nicht nur in Brooklyn begegnen. Wichtige Geschichten, die es zu sammeln und festzuhalten gilt in seinen Büchern, die in jeder Zeile die Verbundenheit zu seiner Heimat deutlich werden lassen.
Für Motherless Brooklyn erhielt er den Book Critics Circle Award und den Golden Dagger Award, außerdem wurde es vom Esquire Magazine als Best Adult Fiction Book of 1999 ausgezeichnet.
Nach der diesjährigen Heirat und dem Kauf eines Hauses in Maine wird für einige Monate im Jahr der Abstand zu Brooklyn wieder größer. Es ist ein neues Buch geplant. Dieses Mal ohne Brooklyn.