Schriftstellerei sei ein einsames Gewerbe, ist ein altes Sprichwort, und es ist etwas dran: da sitzt man endlose Stunden vor dem Schreibblock oder dem Bildschirm und ringt um Worte, Sätze oder auch Reime, schlägt sich herum mit dem Aufbau von Charakteren und Spannungskurven, mit Pointen und Versmaßen. Doch heißt es nicht anderswo, das Brot des Künstlers sei der Applaus, um bei Sprichwörtern zu bleiben? Aber wer soll einem schon applaudieren in den langen Stunden im stillen Kämmerlein?
Wer Applaus will, muß also hinaus in die Welt, genauer gesagt, auf die Bretter, die diese bedeuten, auf die Lesebühnen dieses Landes! Da gibt es im Wesentlichen zwei Arten – neben den reinen Lesungen, bei denen in der Regel mehrere Autoren gemeinsam einen Abend bestreiten, noch die so genannten Poetry Slams, die eher Wettbewerbscharakter haben und die besser für die Präsentation kurzer, pointierter Texte als für seitenlange, sprachlich vertrackte Gesellschaftskritik geeignet sind.
Lesungen also. Wenn man sich im Internet oder je nach Lebendigkeit der Kulturszene auch in der Heimatstadt an entsprechenden Veranstaltungsorten umschaut, findet man immer wieder mehr oder weniger regelmäßige Veranstaltungen, bei denen auch unbekannte und junge Autoren ans Mikrofon gebeten werden. Und hat man erst einmal auf der einen oder anderen Bühne gestanden, dann kommt es auch vor, daß man eingeladen wird, ohne selbst etwas dazu tun zu müssen. Und daß man dabei dann sogar ganz neue Ecken der Bundesrepublik kennenlernt.
Vorbereitungen treffen
Wenn dann nach ein paar Mails oder Telefonaten die organisatorischen Eckdaten geklärt sind, heißt es, Atlas und Routenplaner bemühen, vielleicht noch etwas Tourismusprogramm zusammenstellen, wenn man schon mal in eine andere Stadt fährt, vor allem aber: die Lesung selbst vorbereiten. Welche Texte passen zusammen und in welcher Reihenfolge? Welcher Text ist geeignet, die Lesung zu eröffnen, welcher bildet einen krönenden Abschluß?
Insbesondere empfiehlt es sich, das Lesungsprogramm ein paar Mal in Ruhe durchzugehen, das heißt, wieder wie in der Grundschule: laut lesen üben. Es ist jedes Mal aufs Neue erstaunlich, wie viele Verbesserungsideen für die Texte aus dieser Übung hervorgehen, denn viele Grammatikfehler und stilistische Holprigkeiten entdeckt man überhaupt erst beim lauten Lesen. Zu viele Änderungen an den Texten sollte man allerdings auch nicht vornehmen, denn kurz vor der Lesung geänderte Stellen sind immer potentielle Stolpersteine. Auch die Druckform der Texte sollte man für die Lesung anpassen: Nicht zu kleine Schriftart, keine Seitenwechsel mitten im Satz, Silbentrennung ausschalten.
Außerdem ist lesen nicht gleich lesen. Wenn man sich zum Beispiel professionell produzierte Hörbücher hört, entdeckt man sehr schnell den Unterschied, einen Text vorzulesen oder ihn beim Lesen zum Leben zu erwecken. Es hilft, bildliche Darstellungen des Geschriebenen im Kopf abrufbereit zu halten, um die Stimmung der Texte beim Lesen zu treffen. Zu guter Letzt kann man sich noch überlegen, mit welchen Worten oder Anekdoten man den einen oder anderen Text bei der Lesung ansagt oder von einem zum nächsten überleitet, das nimmt dann etwas Nervosität, wenn man erst einmal auf der Bühne steht oder sitzt.
Es wird ernst
Und irgendwann kommt dann der Tag, an dem es ernst wird. Nervosität gehört dazu, ist völlig normal, davon darf man sich nicht beirren lassen. Mich persönlich plagt immer der Alptraum, beim Umblättern das Fehlen einer Textseite zu bemerken. Ist man dann erst einmal vor Ort eingetroffen, erblickt den eigenen Namen auf einem Plakat – Wahnsinn, der eigene Name! – hat neue Autorengesichter kennengelernt und die letzten Unklarheiten beseitigt, heißt es, die Nerven behalten. Man sieht das Publikum eintrudeln, fragt sich, ob es bei den zehn Zuhörern bleibt oder ob doch noch fünfzig daraus werden. Und irgendwann hört man dann, wie man vom Moderator angekündigt wird. Jetzt wird es ernst.
Man wechselt den Blickwinkel und schaut von der Bühne nach unten in erwartungsvolle Gesichter. Es kann helfen, nicht sofort mit dem Lesen anzufangen, sondern erst einmal ein paar begrüßende Worte zu sagen – jetzt ist man dankbar dafür, sich einige einleitende Sätze zum ersten Text zurecht gelegt zu haben. Das nimmt viel Nervosität und gibt wertvolle Sekunden, in denen man noch einmal tief durchatmen kann – und dann geht es los.
Erstaunlicherweise läuft das Lesen selbst dann meist wie von selbst. Der erste Applaus des Abends, der einem selbst gilt, der Blick in ein amüsiertes oder gespanntes Zuhörergesicht und nicht zuletzt die erhöhte Adrenalindosis lassen das Gehirn zu Hochtouren auflaufen, und scheinbar kurze Zeit später hört man sich die Worte „jetzt kommt der letzte Text“ sagen und sich noch ein wenig später ein letztes Mal beim Publikum bedanken – wie bitte, das sollen jetzt fünfundvierzig Minuten gewesen sein? Und schon kommt die nächste Überraschung – das war physisch wirklich anstrengend. Obwohl man im Grunde nicht viel mehr getan hat, als eine Dreiviertelstunde auf der Bühne herumzusitzen und ein wenig vorzulesen, fühlt man sich ausgelaugt wie nach einem Dauerlauf. Jetzt heißt es zurücklehnen, entspannen, den Autorenkollegen zuhören.
Und wenn am Ende des Abends dann noch ein paar Leute auf einen zukommen und sagen, wie interessant sie die Texte fanden, oder wenn tags darauf noch eine nette Email mit einem Lob für die tolle Lesung eintrudelt, dann weiß man endlich, wofür man eigentlich schreibt, und ist vom einen auf den anderen Moment bereit, all die Blockaden und den mühsamen Kampf um jedes einzelne Wort zu vergessen. So kann man sich denn gut gelaunt und inspiriert wieder an den Schreibblock oder an den Computer zurückziehen, wo alles von vorn seinen Lauf nimmt.