Vom Baukasten-Ich zur Persönlichkeit - Der Weg einer Frau zu sich selbst : Ausgesetzt
Jetzt auch in der deutschen Übersetzung erhältlich
Ach, wie schön wäre es, könnte ich mich selbst erfinden. Den Traum von einer perfekten Persönlichkeit ohne Macken träumen viele. Sogar eine Berufsgruppe hat sich aus diesem Wunschtraum entwickelt- der Imageberater. Im Amerika der 1960ger Jahre gab es den Trend noch nicht zum Imageberater zu gehen;
schon gar nicht für den Ottonormalbürger oder dem Studenten mit geringem Einkommen. Und deshalb muss die Protagonistin des im Original (I`ll take you there) schon 2002 erschienenen Werkes Ausgesetzt von Joyce Carol Oates auch ohne einen solchen zu sich selbst finden.
In einer naiv-jugendlichen Irritation beginnt sich die Philosophiestudentin den Gegebenheiten ihrer Umwelt anzupassen, indem sie ihre Persönlichkeit gruppenspezifisch-normiert zu recht bastelt. Ebenso künstlich wie ihre selbst kreierte Persönlichkeit, ist auch ihr Name: Anellia. Sie gestaltet sich nicht einfach nur ein Ich; sie benennt sich auch selbst. Die Gründe dafür liegen tief in der Kindheitsgeschichte der Protagonistin begraben. Sie hat sich nie dazu gehörig gefühlt- nicht mal in der eigenen Familie. Ihr Vater, ein Trinker, der ständig unterwegs ist, hat sie für den Tod ihrer Mutter verantwortlich gemacht. Ihre Großeltern können sie nicht leiden. Ihre Geschwister lehnen sie ab. Umso mehr möchte sie nun dazu gehören- nämlich zu der Studentenverbindung Kappa Gamma Pi. Nach einigen Monaten voller Qual und finanziellen Problemen, stellt sie jedoch fest, dass sie sich dort nie integrieren wird, denn sie ist anders als die Kappa Gamma Pi Mädchen. Ihr zusammen gebasteltes Kappa Gamma Pi Ich zerbricht. Um die Misere zu beenden, outet sie sich als Jüdin und provoziert so einen Rausschmiss aus der Verbindung, der auch prompt erfolgt. Anellia weiß zwar jetzt, dass sie keine Kappa Gamma Pi ist, doch leider weiß sie auch noch nicht, wer sie eigentlich ist.
Im zweiten Akt des Selbstfindungsprozesses verliebt sich Anellia in den genialen farbigen Philosophiestudenten Vener Methius und ordnet sich ihm völlig unter. Vollkommen unterwürfig muss sie ihn stets amüsieren, denn durch ihre fehlende Persönlichkeit ist die Aufführung der Hofnarrposse ihre einzige Funktion in dieser Trauerkomödie namens Beziehung. Sein Interesse gilt jedoch einzig und allein den Theorien Wittgensteins. Anellia ist nur ein Zeitvertreib für ihn. Als sie ein Photo von ihm und seiner Familie findet, setzt er sie kurzerhand aus. Sie könnte ihm zu nahe kommen.
Weder durch Anpassung an die Mitglieder der Studentenverbindung, noch durch die Unterwürfigkeit gegenüber Vener, konnte Anellia sich ein Ich basteln. Beide Persönlichkeiten mussten wieder zerbröckeln, da sie nicht auf ihrem Ich, sondern auf den Persönlichkeiten anderer basierten. Sie war mehr Schein als Sein.
Im dritten Kapitel des Romans reist Anellia quer durch die USA, um ihren Tod geglaubten Vater am Sterbebett zu besuchen. Diese Reise scheint nicht nur ein Abschied von ihrem alten Leben, sondern auch ein Neuanfang für sie zu sein. Durch die Krankheit ist ihr Vater entstellt und will nicht, dass Anellia ihn so sieht. Sie darf sich nur mit ihm unterhalten, wenn sie ihm den Rücken zuwendet. Doch sie ist zu neugierig und versucht ihn mittels einer Spiegelglasscherbe zu sehen. In dem Moment, in dem sich ihre Blicke treffen, stirbt er. Nun beginnt Anellia ihr neues Leben. Wie sie selbst formuliert, handelt sie zum ersten Mal als Erwachsene richtig erwachsen. Sie erfüllt, gegen die Wünsche der neuen Lebensgefährtin ihres Vaters, seinen letzten Willen und überführt den Leichnam in seine Heimatstadt und lässt ihn neben seiner früh gestobenen Frau begraben. Sie, die für ihren Vater Schuld hatte an dem Tod ihrer Mutter, hat ihre Familie wieder zusammen gebracht und kann nun ihren eigenen Weg gehen.
Auf ihrem Weg zu sich selbst, grübelt die junge Philosophiestudentin über die Erkenntnisse berühmter Philosophen nach. Immer wieder bezieht sie die Theorien und Thesen großer Denker, wie z.B. Spinoza und Nietzsche, mit in ihr Leben ein.
Joyce Carol Oates schrieb also eigentlich durch ihre Protagonistin eine praxisorientierte Lebensphilosophie. Die Zitate der weisen Grübler wirken nie aufgesetzt, auch wenn sie keine leichte Kost sind. Und durch ihren Bezug auf das unmittelbare Leben von Anellia sind sie für den Leser leichter zu verstehen.
Fazit: Ausgesetzt ist nicht bloß ein Roman, der über das Erwachsenwerden einer Studentin berichtet; Ausgesetzt ist eine praxisorientierte Lebensphilosophie einer jungen Frau auf ihrem Weg zu sich selbst.
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Joyce
Carol Oates Ausgesetzt Ins Deutsche übersetzt von
Silvia
Morawetz S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2005 334
Seiten, EUR 19,90 ISBN 3-10-054006-9