Mit einem falschen Pass, einem falschen Namen und dem festen Willen, in Schweden eine neue Existenz aufzubauen, flieht die junge Afrikanerin, die sich Tea-Bag nennt, aus dem spanischen Flüchtlingslager, in das man sie gesteckt hat. Als sie endlich auf schwedischem Boden ist, sucht sie einen Menschen, der ihr seine Stimme leihen und ihre Geschichte erzählen kann. Ihre Wege kreuzen sich mit denen des Poeten Jesper Humlin.
Jesper Humlins Leben ist die ganz alltägliche Hölle. Seine Freundin will ein Kind von ihm, seine Mutter tyrannisiert ihn, und die Verkaufszahlen seiner Bücher stagnieren. Die Idee seines Verlegers, einen Kriminalroman zu schreiben, stößt bei ihm auf taube Ohren, selbst dann noch, als das Projekt gegen seinen Willen lanciert wird. Erst eine Zufallsbekanntschaft mit einer jungen Schwarzafrikanerin mit einem wunderschönen Lächeln scheint seine Schreibblockade zu beenden. Sein Interesse für die Geschichten illegaler Einwanderer ist geweckt.
Jesper lässt sich auf ein ungewöhnliches Projekt ein – er organisiert eine Schreibwerkstatt für junge Einwanderinnen. Drei Mädchen, Tea-Bag, Leyla und Tanja, sind seine ersten Schülerinnen, doch noch bevor das erste Wort zu Papier gebracht wird, sorgt das Aufeinanderprallen der unterschiedlichen Kulturen für Missverständnisse und blaue Augen. Dennoch lässt das Schicksal der drei den ausgebrannten Poeten nicht los, und sein Bedürfnis, zum ersten Mal in seinem Leben Verantwortung zu übernehmen, wächst zusammen mit dem Drang, endlich die Geschichten zu erfahren, die diese schweigsamen Frauen hüten.
Mit Tea-Bag kehrt Henning Mankell zu dem Thema zurück, das ihm über die Jahre zum literarischen Herzensbedürfnis geworden ist, der Wegbereitung für den Austausch von Kulturen. Wie schon in Die rote Antilope sind Tea-Bag und ihre Freundinnen die wahren Heldinnen des Romans, während der Schwede Jesper die Rolle der tragikomischen Figur zugewiesen bekommt, die bei allem guten Willen doch an ihren Ansichten scheitert. Doch anders als in den emotional aufrührenden Vorgängern mutet Tea-Bag beinahe wie eine Satire an.
Jespers Leben wird trotz seines berufsmäßigen Interesses an Sprache von totaler Kommunikationslosigkeit geprägt. Die Gespräche, die er mit Freundin, Mutter und Arbeitskollegen führt, sind überspitzte, doch sehr genaue Beobachtungen alltäglicher Unterhaltungen, bei denen es weniger um Meinungsaustausch als vielmehr das Beharren auf Standpunkten geht. Diesen steht das vollkommen andere, ehrlichere Sprachverständnis der Einwanderinnen gegenüber, die sich von dem Kontakt mit dem Dichter eine Änderung der Verhältnisse erhoffen. Als der seinem Charakter gemäß den Kontakt mit der Presse sucht, ist die behutsame Annäherung der Kulturen zum Scheitern verurteilt.
Trotzdem ist Tea-Bag ein überaus unterhaltsames Buch, das einen deutlichen Schritt in der Entwicklung des Autors markiert, der hier zum ersten Mal einen – wenn auch spröden, eher satirischen – Humor in das Thema Auswanderung einfließen lässt.