Gezeiten des Lebens – Joseph Coulsons Debütroman "Abnehmender Mond"
Unsere Vergangenheit bestimmt uns, so wie der Mond die Gezeiten bestimmt. Wir können ihr nicht entfliehen, denn alles was wir erleben prägt uns und hat somit Auswirkungen auf unsere Gegenwart. Unsere Vergangenheit besteht aus Erinnerungen. Manchmal brechen diese wie Fluten an den Strand unseres Bewusstseins und lassen uns absurde Dinge tun. Oder sie ziehen sich zurück und wir versinken im Schlick des Lebens, da nur die Erinnerung an die Erinnerungen uns geordnet und zivilisiert leben lässt. Ohne sie bestände unser Leben aus immer wiederkehrenden Fehlern.
Vor allem schmerzhafte Erinnerungen bleiben uns im Gedächtnis, denn wir wollen den Schmerz, der uns einst widerfahren ist, nie wieder spüren. Deshalb müssen wir uns an die Umstände seines Entstehens gut erinnern können. Die Mitglieder der Familie Tollman (Jessika, Eddie, Stephen, Philip, Myron und Margie.), deren Leben über zwei Generationen hinweg im Debütroman von Joseph Coulson erzählt wird, haben eine Menge von diesen schmerzhaften Erinnerungen erlebt. Sie wurden von den Gezeiten des Lebens geprägt. Innerhalb des Hintergrundes eines halben Jahrhunderts Weltgeschichte, markiert durch geschichtliche Großereignisse und Tragödien, wie der Weltwirtschaftskrise, der großen Depression, des zweiten Weltkriegs, des Vietnamkriegs, Watergate und der Rassenunruhen in Detroit, ereignet sich für die Familie Tollman ein Drama nach dem anderen.
Nachdem der Vater der sechsköpfigen Familie aus Cleveland Ende der 1920er Jahre zur Zeit der Weltwirtschafskrise seine Arbeit als Radiomechaniker verliert, muss die Großfamilie auf dem Land in einem Zelt wohnen. Ausgrenzung wegen Armut prägt vor allem die vier Kinder der Familie. Sie werden in der Schule gehänselt. Hinzu kommt der Hass gegen den eigenen Vater. Er ist distanziert und kühl gegenüber der Familie und investiert sogar das so dringend für eine Augenoperation der Mutter benötigte Geld in ein Geschäft, welches absehbar keinen Erfolg bringen konnte. Die Mutter erblindet. Als wäre das nicht alles schon schlimm genug, stirbt dann auch noch die Schwester der drei Brüder.
Aber, so wie zwischen zwei Eben die Flut kommt, besteht auch das Leben nicht nur aus Tiefen, sondern auch aus Höhen. Eine vermeintliche Höhe für die Gebrüder Tollman ist Katherine Lennox, eine fesselnde Persönlichkeit und virtuose Pianistin. Sie zieht Stephen und Philip in ihren Bann. Zuerst verbringt sie ihre Zeit mit Stephen und besucht mit ihm Museen. Als sie merkt, dass er für sie seine Reize verloren hat, lässt sie sich vom Hallodri Philip verführen. Sie verliebt sich in ihn, doch er nimmt Reiß aus und geht freiwillig als Soldat in den zweiten Weltkrieg. Stephen trauert Katherine hinterher, Katherine trauert Philip hinterher und Philip flüchtet lieber, als das er irgendein Gefühl zulassen würde. Die vermeintliche Höhe im Leben der Gebrüder Tollman kehrt sich fluchs, kurz nach ihrem Höhepunkt, in eine große Tragödie um. Diese Frau wird beide nicht mehr loslassen, auch wenn Philip eine andere Frau heiratet und eine Familie gründet.
Philip kann die Wogen seines Lebens jedoch nur oberflächig bändigen. Die Flucht ist nach wie vor seine oberste Verhaltensweise. Den Erinnerungen an den Krieg und seine Kindheit versucht er mit Alkoholkonsum zu entfliehen. Er erfindet Ausreden, um seine Mutter nicht besuchen zu müssen. Er ist zu feige, um einem Konzert von Katherine beizuwohnen. Er wird aggressiv und zu einem Vater auf den wahrlich kein Sohn stolz sein könnte. Und er hat gleich zwei Söhne (James und Paul). Anfänglich versucht James zu verstehen, warum sein Vater so ist, wie er ist. Doch als dieses Vorhaben scheitert, zieht er sich so schnell wie sein älterer Bruder von seinem Vater zurück. Stephen trifft Katherine noch ein paar mal und schafft es endlich all seinen Mut zusammen zu nehmen, seine Arbeit zu kündigen und einfach in ein Hotel in der Nähe von Katherines Wohnort einzuziehen, um ein neues Leben zu beginnen. Nachdem Philip jedoch wegen der Belästigung der minderjährigen Nachbarstochter festgenommen wird, kehrt er zurück und sieht zu wie Philip wegen der Rücknahme der Anzeige wieder frei kommt, um sein Leben in der Einöde des Sofas vor dem Fernseher zu verbringen. Stephen versucht das Leben nicht mehr zu ändern, sondern nimmt es hin wie es nun mal ist. Er erkennt die Kraft der Vergangenheit.
In vier Bücher verteilt wird die Familiensaga Tollman von drei unterschiedlichen Erzählern, Stephen, Katherine und James, wiedergegeben. Während im ersten und letzten Buch die Ereignisse aus der Perspektive von Stephen erzählt werden, wird durch Katherine Lennox im zweiten Buch die Sicht einer Außenstehenden auf die Familie offenbar. Im dritten Buch erfährt der Leser durch die Erzählerfigur James wie die Nachfolgegeneration ihre Eltern und Onkel, Omas und Tanten wahrnimmt. Es entsteht somit ein ganzheitliches Bild einer Familiengeschichte.
Sehr Detailreich mit Listen von Bandnamen und Filmtiteln, die zur Allgemeinbildung der damaligen Zeit gehörten, in einem pathetischen, manchmal verschwörerischen Ton, wird das Auf und Ab des Lebens der Familie Tollman geschildert. Und das ist die Stärke des Buches. Genauso wie die Erinnerungen zwar immer wieder auftauchen, aber dennoch nicht dingbar gemacht werden können, wird auch die ganze Szenerie zwar durch die Flut der Details real, aber nicht fassbar dargestellt. Das Leben ereignet sich in Flutwellen und Ebbezeiten, mal ist ein Ereignis prägnant, dann wieder verblasst das Bild, mal passiert etwas Schlimmes, kurz darauf etwas Gutes. Alles Erzählte hat für sich genommen keine besondere Bedeutung, es kommt auf die Ganzheitlichkeit der Erinnerungen an. Weder kann man die Dinge nur aus einer Perspektive heraus wiedergeben, noch ist es möglich nur Höhen oder nur Tiefen eines Lebens zu schildern, will man ein Gesamtbildnis erzeugen.
Fazit: Ein Roman, den Sie in ihre Erinnerungen aufnehmen und nie mehr vergessen sollten.
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Joseph
Coulson Abnehmender Mond Aus dem Amerikanischen
übersetzt von Ingo Herzke Verlag C.H.Beck, München 2005 416
Seiten, gebunden, EUR 22.90 ISBN 3-406-52977-1