Es ist ein Schock, als Roland Klement die Wahrheit über seinen Mentor erfährt. Professor Josef Eisner ist nicht der, der er zu sein vorgibt. In einem Zeitungsinterview outet er sich als Josef Engler, hochrangiger Mitarbeiter der SS-Organisation „Ahnenerbe“. 1945 flüchtete er sich in die Identität des Buchhändlers Josef Eisner, um einer etwaigen Strafe zu entgehen. Er wird zum angesehenen Literaturwissenschaftler. Nun geht das Seminar auf Abstand zu dem Wissenschaftler.
Roland Klement sieht, wie mit einem mal sein ganzes Weltbild vor seinen Augen zusammenbricht und ist dem machtlos ausgeliefert. Er ist von seinem Förderer Eisner radikal enttäuscht und fühlt sich in die Opferrolle gedrängt. „Du hast dich gesonnt in seinem Blick, und jetzt hast du Angst, dass es ein böser Blick war.“ Als Opfer will er reden, doch der vermeintliche „Täter“ scheut zunächst jegliche Kontakte. Sämtliche Telefonanrufe Klements bleiben unbeantwortet. Doch er muss versuchen zu verstehen, warum Eisner so gehandelt hat, wer Eisner ist und vor allem, warum er sich nicht bei einer der zwei großen Generalamnestien gemeldet hat.
Schließlich gelingt es ihm, mit Eisner in Kontakt zu treten und ein Treffen mit ihm zu vereinbaren. Klement bereitet sich ausgiebig auf dieses Treffen vor, liest Eisners Schriften, die er als Engler verfasst hat, und überlegt sich gezielt, welche Fragen er an seinen ehemaligen Mentor richten will. Das Treffen verläuft eher nüchtern. Es gelingt Klement nicht, Eisner direkt auf seine Vergangenheit anzusprechen, es scheint, als wolle dieser nicht darüber reden. Doch schließlich braucht auch Eisner jemanden, der ihm hilft, eine Verbindung zwischen seinen beiden Leben herzustellen.
In ihrem Romandebüt gelingt es Gudrun Seidenauer auf eine sehr bewegende Art, dem Leser ein ständig präsentes Stück Vergangenheit vor Augen zu führen. Im Zuge des zweiten Weltkriegs gab es eine Vielzahl Menschen, die sich aus verschiedenen Gründen zum Teil sogar gezwungen sahen eine andere Identität anzunehmen. Und wie fühlen wir uns, wenn wir auf einen solchen Menschen treffen, der zwei so unterschiedliche Leben gelebt hat, zwei völlig verschiedene Ideologien verfolgt hat? Gudrun Seidenauer geht diesem Problem auf eine überaus einfühlsame und dennoch distanzierte Art auf den Grund.