"Ich muß mich erinnern." […] "Jetzt ist mir schon wieder eine Erinnerung verlorengegangen." – Der Pizzabote Tom, einer der Protagonisten aus "Morgen. Später Abend." von Claudia Klischat, wacht eines morgens neben der reifen und gutaussehenden Babs Stanebein auf und hat völlig die Orientierung verloren. Nur fetzenweise erinnert er sich an die Geschehnisse des letzten Abends, die immer wieder mit Erinnerungen seiner Kindheit verschwimmen. Er hat jemanden niedergeschlagen und ihm Geld geraubt, so wie sein Bruder Ben immer klaute.
Er hat einen Brief aus der Heimat erhalten, denn Ben scheint gestorben zu sein. Und eigentlich liegt er sowieso im falschen Bett! Tom schafft es nicht seine Erinnerungsfetzen zu sortieren. Verzweifelt würde er gerne an seinem Daumen nuckeln wie ein Kleinkind. Er weiß nicht weiter. Als er dann dem Mann begegnet, den er niedergeschlagen hatte und der ein Nachbar von Babs ist, nimmt er auf Socken Reißaus in den Schneematsch der Stadt. Es ist Winter, genauer gesagt kurz vor Silvester und bitterkalt. Tom setzt sich konfus in eine Straßenbahn, belästigt die Fahrgäste und folgt einer verheirateten Frau bis zu ihrem Heim. Dort legt er sich frech in deren Bett und der Ehemann fährt Tom am nächsten Tag zu seiner Freundin San.
Das zweite Kapitel erscheint dem Leser zunächst losgelöst vom ersten Kapitel zu sein. Der straffällige Veith haut von zu Hause ab, weil er seine Mutter nicht mehr ertragen kann, die sich nicht um ihn kümmert. Beim Trampen wird er von einem Müllfahrer aufgegabelt, der ihn bei sich zu Hause aufnimmt. Doch alles was er da erlebt ergibt für ihn keinen Sinn. Er kann die Splitter der Geschehnisse nicht zu einem ganzen Sachverhalt zusammenordnen. Er wird Zeuge verworrener Familienverhältnisse, die ein Außenstehender nicht ordnen kann. Als nun die Namen der Kinder des Müllfahrers genannt werden, durchzuckt es den Leser als wäre er vom Blitz getroffen worden. Tom und San- sind das etwa dieselben Personen, denen man im ersten Kapitel schon begegnet ist? Frustriert, weil er keine Ordnung, keinen zusammenhängenden Sinn in dem Chaos entdecken kann, fährt Veith wieder nach Hause.
Die Protagonistin des dritten Kapitels ist dem Leser ebenfalls schon aus dem ersten Kapitel bekannt. Es ist die Mitvierzigerin Babs Stanebein, die zu Beginn des ersten Kapitels einen One-Night-Stand mit Tom hatte. Kurz vor Sylvester versucht sie ihr verworrenes Leben zusammenzufassen, sucht den Sinn des Lebens und scheitert kläglich bei dem Versuch einen Antrag im Arbeitsamt abzugeben.
Unterstütz wird die Verworrenheit der Geschehnisse und Gedanken durch die sprachliche Gestaltung des Debütromans von Claudia Klischat. Im ersten Kapitel arrangiert die Autorin die einzelnen Sätze im "Und-Satz-Stil", so dass man nicht zwischen essentiellem und trivialem Sachverhalt unterscheiden kann. Alles hängt irgendwie zusammen, aber es scheint keine hierarchische Ordnung zu geben. Das zweite Kapitel ist mit Satzabbrüchen durchzogen. Durch die ständige Unterbrechung der Gedanken und den Übergang zu anderen Gedanken erscheint es unmöglich die Geschehnisse zu ordnen. Der Leser kann der hier handelnden Hauptfigur Veith und seinen kläglichen Ordnungsversuchen nachempfinden. Im dritten Kapitel begegnet der Leser plötzlich geordneten und vollständigen Sätzen deutscher Sprache, muss jedoch feststellen, dass diese Ordnung nur formaler Natur ist. Babs verstrickt sich in Lügen und am Ende bleibt nichts als die Frustration zurück nur Augenblickserkenntnisse gewinnen zu können.
Dieses Chaos der Gedanken, Geschehnissen und Erkenntnissen schein irgendwie miteinander verflochten zu sein. Doch keiner der Protagonisten vermag den Zopf der Gegebenheiten sachgerecht zu lösen, um das Essentielle des Lebens zu entdecken. Durch die kunstvolle sprachliche Gestaltung, die Anordnung der Figurenkonstellationen und des Inhalts verstrickt Claudia Klischat ihre drei Kapitel zu einem unlösbaren Ganzen. Durch den Einbezug des Lesers in die Gefühlswelt der handelnden Personen glaubt auch er sich bald miteingestrickt in den Roman und da das letzte Kapitel eigentlich das erste Kapitel ist, scheint es keinen Ausweg aus diesem Wust zu geben!
Fazit: Ein Roman, der Sie in die Story mit einstrickt und nicht mehr rauslässt bis Sie genauso verwirrt sind wie die Protagonisten.