Durchgehende Emotionen : Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana
Wenn ein weiser Mann sein Leben beendet, sterbe eine ganze Bibliothek, heißt ein afrikanisches Sprichwort. Lesefrüchte eines langen Lebens, Romanfiguren, Zitate, Redewendungen, alles geht mit ihm verloren.
Der 60jährige Giambattista Bodoni, genannt Yambo, von Beruf Archivar, Romanfigur in Umberto Ecos illustriertem Roman, hat Glück gehabt. Er ist trotz schwerem Unfall und anschließendem Koma noch immer so etwas wie ein wandelndes Lexikon. Zwar weiß er nicht mehr, wie er heißt, aber immerhin sind ihm noch alle Gedichte gegenwärtig, die er im Lauf seines Lebens einmal gelernt hat. Kinderreime, Daten und Fakten aus dem Leben von Julis Cäsar, den Satz des Pythagoras, aber auch lange Passagen aus den Werken der Weltliteratur kann er auf's Stichwort abrufen. Eine ganze Sammlung an wunderschönen Zitaten, die vom Nebel sprechen, ist seinem Gedächtnis präsent und man wird schon bei den ersten eingestreuten Textstellen neidisch auf diese kenntnisreichen Spaziergang durch den Kanon der Weltliteratur.
Doch das papierne und literarische Gedächtnis macht Yambo nicht froh Der Unfall hat ihm die Fähigkeit geraubt, sein bisheriges Leben zu überblicken und seine bereits gelebten Jahre haben nicht ein Fünkchen Erinnerung und keinerlei Gefühle mehr in ihm hinterlassen.
Bodoni weiß zwar, dass er mit der Psychologin Paola verheiratet, Vater von zwei Töchtern und auch bereits Großvater ist. Er genießt den Umgang mit denen nach Milch und Puder duftenden Enkelkindern. Er weiß es jedoch nicht aus der eigenen Erinnerung, sondern aus den Erzählungen, besser Behauptungen der anderen. Er muss seine Frau, die ihm abends zum Einschlafen wie einem Kind über den Kopf streichelt, sogar fragen, ob sie vor seinem Unfall noch miteinander geschlafen hätten. Ihre Antworten nimmt er als Beleg für sein gelebtes Leben. Allerdings kann er sie nicht fragen, ob er mit seiner schönen und an eine Sphinx erinnernde Mitarbeiterin Sibilla aus Polen einmal eine wunderbare Storia d'amore gelebt hat. Er kann es sich durchaus vorstellen, aber anstelle der Erinnerung spürt er nur den wabernden Nebel in seinem Gedächtnis. Dieses Phänomen ist auch für seinen behandelnden Arzt von großem Interesse, gefährlich ist es nicht, es stört lediglich im normalen Alltag.
Als Bodoni aus der Klinik entlassen wird, lassen sich Rituale und Gewohnheiten durchaus rekonstruieren. Seine Frau serviert ihm Whisky, der nach Petroleum schmeckt, weil sie weiß, dass er den gerne trinkt. Er kann eine ganze Anzahl an Restaurants besuchen, in denen sein Defekt nicht auffällt, wenn er nach der freundlichen Begrüßung durch die Kellner "Das Übliche" oder "Wie immer" bestellt. Auch die unerwartete Begegnung mit einer schönen Frau meistert er dank seines unwiderstehlichen Lächelns und einigen Höflichkeitsfloskeln mit Bravour. Nur die Erinnerung an sein Leben bockt und verweigert sich. Auf Bitten seiner Frau fährt er schließlich in den Ort und in das Haus seiner Kindheit, um dort stöbernd auf dem Dachboden zwischen Comicheften, alten Atlanten und Lexika sein Leben zu rekonstruieren. Schritt für Schritt tastet er sich vor und lässt die Welt neu entstehen. Alles, was als Kind und Jugendlicher zu seiner wahrnehmbaren Welt gehörte, holt er wieder ans Tageslicht- die Zigarettenschachteln, Keksdosen, Zeitungsausschnitte, die Modeblätter und Reklameschilder sind im Roman auch abgebildet und sie machen über weite Strecken den größten Teil der Faszination aus. In den illustrierten Exzerpten, in den schwingenden Glockenröcken der Damen mit den Wespentaillien, in den Comics und Zitaten von Mickey Mouse ist manches Ahaerlebnis, manches Wiedererkennen programmiert. Es darf nostalgisch geseufzt und geschwärmt werden.
Wenn dem Icherzähler respektive dem Schreiber Umberto Eco passagenweise die Emotionen durchgehen und manches wie Kitsch anmutet, sehen wir mit Blick auf die immense Fülle an Bildern und Emblemen großzügig über das oberflächlich hohle Wortgeklingel hinweg. Allerdings schleicht sich bis zum Ende des 500 Seiten dicken Werkes trotz aller Kurzweil auch das schale Gefühl ein, dass hier zwar viel Material aufgehäuft wurde, das - so der Klappentext- "die Erinnerung einer ganzen Generation beschreibt" , doch den Belegen aus den 50er und 60er Jahren fehlt in der Geschichte der inspirierend zündende Funke. Am Schluss wabert in unseren Köpfen trotz der wunderbaren Übersetzung von Burkhart Kroeber ebenso dichter Nebel wie bei Gianbattista Bodoni: Mausgraues fumifugium.
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Umberto
Eco Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana (Originaltitel:
The Mysterious Flame The Mysterious Flame) Roman Hanser 480
Seiten, EUR 25,90 ISBN 3-446-20527-6