Das moderne Pompeii ist im Wesentlichen das Reich der Hunde. Gut, es ist auch das Reich der Touristen, die die Hunde durchfüttern, der Verkäufer und der Hundefänger, die ab und zu frühmorgens die Stadt durchkämmen, und auch das Reich einiger Füchse, Schlangen und anderen Tieren und auch das der Geister verstorbener Hunde und anderer Schattengestalten, die in der Unterwelt Pompeiis lauern. Aber im Wesentlichen ist es das Reich der Hunde.
Einer dieser Hunde ist Kaffeekanne. Diesen obskuren Namen hat ihm der Wind gegeben, oder zumindest hat der alte Hund Plinius, der den Wind nach einem Namen für den Neuankömmling gefragt hat, das verstanden, aber er ist auch schon ein wenig schwerhörig. Von Plinius lernt Kaffeekanne, wie man Futter von den Touristen erbettelt und daß man es untereinander teilt, wie man sich in Pompeii durchschlägt, und daß man sich ganz allgemein vor den Outlaws in Acht nehmen sollte.
Die Outlaws, das sind jene Kampfhunde unter der Führung des furchtlosen Ferox, die sich für etwas Besseres halten, weil sie ihre wölfischen Wurzeln nicht verleugnen. Bei ihnen gilt das Recht des Stärkeren, auf die Bettelhunde, die ihr Futter von den Touristen bekommen, schauen sie höhnisch herab, sie erkämpfen sich ihr Futter, und jeder frißt, was er erbeutet, geteilt wird nicht. Aber auf den jungen Kaffeekanne und seinen Freund Saxo übt die Welt der Outlaws einen großen Reiz aus, und so trennen sie sich von Plinius und schließen sich den Besserwölfen an.
Eines Tages tritt Kaffeekanne versehentlich auf die Viper Clabauta, die ihn ebenso versehentlich mit ihrem Giftzahn beißt und feststellt, daß er nun wohl sterben müsse. Doch Kaffeekanne stirbt nur zu einem Fünftel – sein toter Teil reist schon einmal vor in die Unterwelt und steht fortan mit den lebenden vier Fünfteln Kaffeekanne in telepathischem Kontakt. Die Hilfe seines geisterhaften toten Fünftels hat Kaffeekanne auch bitter nötig, denn er hat noch einen Auftrag: Pompeii vor dem nächsten Vulkanausbruch zu retten. Unterdessen wird Saxo verschleppt und muß sich bei illegalen Hundekämpfen gegen seinesgleichen auf Leben und Tod antreten.
Zu seiner Unterstützung hat ihm Clabauta die Hündin Grippi an seine Seite geschickt, die sie mit einem Liebeszauber belegt hat und die Kaffeekanne von morgens bis abends anhimmelt – der aber will von Hündinnen noch gar nichts wissen. Gemeinsam begeben sie sich in die Unterwelt Pompeiis, wo sie Monstern und Wanderbeben begegnen – und wo Grippi sich zu fragen beginnt, ob sie auch ohne Liebeszauber in Kaffeekanne verliebt wäre. Derweil bahnt sich an der Oberfläche ein Kampf an – zusammen mit den inzwischen befreiten anderen Kampfhunden will Saxo die Outlaws ein für alle Mal aus Pompeii vertreiben.
Mit „Die wilden Hunde von Pompeii“ hat Multitalent Helmut Krausser abermals das unglaubliche Kunststück vollbracht, ein literarisches Gebiet zu betreten, auf dem er sich vorher noch nicht versucht hat: ein Fantasy-Märchen für Erwachsene, das mit seinen kuriosen Einfällen ein wenig an die Zamonien-Romane von Walter Moers (der im Übrigen als geschichtenerzählender Geheimniskrämerhund Valta einen Gastauftritt hat) erinnert.
Von der finsteren Tragik und der Bitterkeit, die „Schmerznovelle“ und „UC“ durchzog, ist hier nichts mehr zu spüren, statt dessen erzählt Krausser eine überdrehte und liebenswürdige Geschichte, voller Spannung und feinsinnigem Sprachwitz; die außwergewöhnliche Hundeperspektive wirkt nicht nur gelungen, sondern führt auch zu Wortspielereien und ungewohnte Sichtweisen. Der Autor ist sich vor allem in einem treu geblieben: er überrascht seine Leser mit jedem Buch wieder aufs Neue. Man darf gespannt sein, was er sich als nächstes einfallen läßt.