Endlich läuft im Leben von Oberstudienrat Jon Ewermann alles rund. Erst findet er in seiner jungen Kollegin Julie die Liebe seines Lebens, und dann stirbt seine Frau bei einem Unfall. Jon ist frei, vor allem frei von Schuldgefühlen, doch plötzlich beginnt sein bester Freund, unbequeme Fragen zu stellen. Und das ist erst der Anfang.
Jon, trotz seiner fünfzig Jahre immer noch gutaussehender Platzhirsch des Lehrerzimmers, muss nur einen Blick auf seine neue Kollegin Julie werfen, um zu wissen, dass er wie ein Teenager verliebt ist. Das Knistern ist gegenseitig, so dass Jon beschließt, sich von seiner labilen Frau Charlotte zu trennen. Ein tödlicher Unfall kommt ihm zu Hilfe, Charlotte stürzt bei einem letzten Streit die Treppe hinunter und bricht sich den Hals.
Das Leben könnte wunderschön sein, wenn da nicht Jons bester Freund Robert wäre, der ihm wie aus heiterem Himmel eröffnet, er habe Charlotte immer geliebt, außerdem glaube er nicht an einen Unfall. Jon erkennt, dass er sein junges Glück mit Julie aktiv verteidigen muss. Er erkennt nicht, dass Robert lange nicht sein schlimmster Gegner ist.
Im Gehege ist ein rabenschwarzer Roman, der beweist, dass alte Narren die schlimmsten sind. Die beiden Autorinnen Borger und Straub erzeugen geschickt falsche Lesererwartungen, indem sie die klassische Spannungskulisse eines film noir aufbauen - die tote Ehefrau, der unschuldig-schuldige Ehemann, die misstrauische Polizistin - nur um plötzlich ganz andere literarische Wege zu beschreiben. Aus dem Krimi wird das glaubwürdige Psychogramm einer Leidenschaft. Kopfschüttelnd darf der Leser mitverfolgen, wie Jon Schritt für Schritt zum rasenden Othello mutiert, mit allen Konsequenzen.
Besonders interessant ist dabei die Erzählperspektive. Obwohl sie sich konsequent auf Jons Sicht der Dinge beschränkt, erhält ist der Leser als objektiver Beobachter dennoch in der Lage, andere Schlüsse zu ziehen als die Hauptfigur. Aus diesem Spannungsverhältnis zieht der Text eine Lebendigkeit, die fast an gutes Theater erinnert. Man möchte Jon warnen, ihm seine Blindheit vor Augen halten und ist doch auf die Zuschauerrolle gebunden, während der Held seinem Schicksal entgegentaumelt.
Fazit: Intelligentes Spiel um Verrat und Leidenschaft vor alltäglicher Kulisse