Arabische Erzählungen vorstellen zu wollen, erscheint mir so schwierig wie die Aufgabe, ein Kamel durch ein Nadelöhr zu führen. Das liegt nicht an Vorurteilen gegenüber der arabischen Kultur, oder der derzeit virulenten Diskussion um angeblich zu viel Multikulti und die Rückbesinnung auf unsere ureigenen kulturellen Wurzeln. Nein- beim Stichwort Arabische Erzählungen winken alle lieblichst lächelnd ab und nicken wissend, ach ja, Scheherazade, die Geschichten aus Tausend und einer Nacht.
Die kennen sogar Lesemuffel, zumindest dem Namen nach und das ist natürlich besser als nichts, doch leider wollen sie dann mehr nicht hören. Zum Beispiel die Tatsache, dass die bei dtv erschienen Arabischen Erzählungen gar nichts zu tun haben mit der berühmten schönen Scheherazade und ihren tausend und einer Geschichten, mit denen sie den Sultan betört.
Der erste Unterschied ist ein numerischer- in dem Band sind lediglich 40 Erzählungen versammelt, dazu ein Glossar für komplizierte arabische Eigennamen und Begriffe und ein Autorenverzeichnis. Unterschied Nummer zwei ist, dass die Erzählungen von unterschiedlichen Autoren und Autorinnen und aus verschiedenen Ländern stammen. Ägypten, Algerien, Irak, Jemen, Jordanien, Kuwait, Libanon, Libyen, Marokko, Palästina, Saudi- Arabien, Sudan, Syrien, Tunesien sind die Herkunftsländer der Geschichten, die so verschieden sind wie die Heimatländer der Schreibenden. Zeugnisse über Alltag und Feste, über Leid und Glück, über Traditionen und Fesseln über Geschichte und Gegenwart und vielleicht auch Zukunft.
Gemeinsam haben die Erzählungen, dass sie die Atmosphäre, den Duft, das Tempo und die Traditionen der südlichen Länder in einer meist blumigen und sehr umschreibenden Sprache einfangen, eine Sprache, die verwirrt und bockt, wenn man sie in unserem gehetzten Tempo überfliegt. Einige der Erzählungen sind in dem Sammelband erstmals auf Deutsch erschienen, manche Autoren wiederum sind den an arabische Literatur Interessierten immerhin flüchtige Bekannte. So etwa der 1931 in Damaskus in Syrien geborene Sakarija Tamer. Der gelernte Schmied wurde 1960 mit seinem ersten Buch berühmt und gilt als einer der bekanntesten Geschichtenerzähler der zeitgenössischen arabischen Literatur. Im Schweizer Lenos Verlag erschien 1987 ein Erzählband mit dem Titel "Frühling in der Asche". Ghada Samman, eine der hier vertretenen Autorinnen aus Damaskus, hat in ihrer Heimat einen eigenen Verlag gegründet, um ihre inzwischen gut 30 Bücher verlegen zu können. Sie ist in der arabischen Welt eine Bestsellerautorin und wird in verschiedene Sprachen übersetzt, in Deutschland sehr bekannt wurde sie mit ihrem Buch "Mit dem Taxi nach Beirut", aus dem im Sammelband ein Auszug enthalten ist.
Gleich die erste Geschichte von Yaahya At Tahir Abdallah aus Ägypten mit dem Titel "Die Erhabene" vermittelt uns etwas von den Ritualen der Gastfreundschaft, dem Bitten und Gebetenwerden, dem Ablehnen und Zurückweisen von Speisen. Nur das Beste wird für den Gast aufgetischt, selbst die erhabene Pappel muss geplündert werden. Männer mit Einfluss, mit Geld, mit Autorität und mit Träumen bevölkern viele Erzählungen, Frauen sind meist ferne Angebetete, schön, unnahbar und wie von einem anderen Stern. Doch die Erzählungen vermitteln keine Märchenwelt, kein Abrakadabra und kein Idyll mit Harem und Bauchtanz. Die Autoren schreiben vom Krieg, vom Tod, von Unterdrückung und von strengen patriarchalen Strukturen in ihrem Leben, den archaisch anmutenden Sitten von Ehre und Blutrache. Zum Beispiel Fuad At-Tekerli aus dem Irak,der in seiner Erzählung "Der Backofen" die Geschichte einer Selbstverteidigung beschreibt. In einem scheinbar endlosen Fluss wirrer, sich widersprechender Argumente rechtfertigt der Icherzähler den Mord an seiner Schwägerin: Die Ehre ist kostbar meine Herren Richter, und wir sind echte Araber, wir können es nicht zulassen, dass auf die Art Schande über uns kommt. Wir sind es gewöhnt, eine Ehebrecherin zu töten. Es ist Sitte bei uns, dass wir eine, dass wir eine, die einen Fehltritt begangen hat, nicht mit uns leben lassen. Ich habe meine Ehre verteidigt, wie das jeder ehrbare verheiratete Mann tun muss, der außerdem eine große Familie hat, an deren Zukunft er denkt. Bei der Ehre ist es egal, ob es sich um Ehebruch handelt, oder darum, dass ein junges Mädchen entehrt wird, das kann man nicht voneinander trennen. Und wir alle sind, was die Ehre anlangt, in ein und derselben Lage. Wir werden auf die Probe gestellt, ob wir ehrbar sind oder ob wir unsere Ehre mit Blut verteidigen....Wir sind rohe aber ehrbare Leute. Wir wollen in Frieden leben und unser Brot essen. Alles, was man sich über uns erzählt, ist glatte Lüge".
Manche der Erzählungen nehmen völlig unvermutete Wendungen, verblüffen, erschrecken oder lassen den Lesenden eher ratlos zurück. Sie spiegeln eine facettenreiche, fremde Kultur, eine Mischung aus arabischen und europäischen Einflüssen. Die Geschichten faszinieren und ziehen den Lesenden in ihren Bann, vielleicht weil unsere Vorurteile über die arabische Welt konterkariert oder auch bestätigt werden. Verwirrend, bunt, modern, fremd und aufschlussreich ist diese Erzählsammlung und in ihrer Vielschichtigkeit durchaus geeignet, die Nacht zum Tag zu machen und sich dem Zauber arabischer Erzählungen hinzugeben, auch wenn sie nicht von Scheherazade erzählt werden und das glückliche Ende nicht garantiert ist.