Eine beängstigende Metapher für das alltäglich Unausgeprochene : Der Doppelgänger
Die Gleichheit des Menschen scheint greifbar nahe. Das Doppel ist möglich. Die Individualität steht auf dem Spiel. Wann sind wir "Ich" und worin definiert sich das?
Die Geschichte eines ganz normalen Mannes, der eines Tages eine Entdeckung macht, die ihn aus der Bahn wirft: er entdeckt sich selbst. Nicht im bekannten Sinn, dass er sein Wesen, seine Vorlieben, seine Interessen neu reflektiert entdeckt? Es ist viel mehr eine zweite Person, die ihm wie ein Ei dem anderen gleicht. Ab diesem Augenblick ergreift den Protagonisten eine große Unsicherheit, ja wirkliche Angst vor den nicht vorhersehbaren Folgen. Unausgesprochen zwar aber stets präsent ist es die Sorge um den Niedergang des eigenen Ichs, den der Nobelpreisträger Saramango hier beschreibt.
Die Geschichte spitzt sich mehr und mehr zu, wird von einem zunächst nur gedachten voyeuristischen Beobachtungsvorhaben zu einer echten Beobachtung, ja einer Bedrängnis. Zunächst hatte der Geschichtslehrer mit dem merkwürdigen Namen, unter welchem er auch zu leiden scheint, nur einen von einem Kollegen zur Überwindung der einsamen Traurigkeit empfohlenen Videofilm sein Ebenbild in einer kleinen Rolle entdeckt.
Einer unbändigen inneren Bedrängnis folgend holt er sich weitere Filme mit dem Darsteller, der ihm so exakt gleicht. Fast wie ein verschämt agierender Entleiher schmutziger Pornographie versucht er sein Geheimnis zu bewahren und keine Hinweise auf den wahren Grund seines filmischen Interesses zu geben.
Immer tiefer taucht Afonso - so der Name des Pädagogen - aber auch man selbst als Leser in die so gewöhnliche und doch zutiefst intime Geschichte ein. Man wird Mithörer des ersten anonymen Telefonats und weiterer, bei welchem er sich dann zu erkennen gibt.
Melancholisch-bedrohlich angerührt erliest man sich das Näher kommen der beiden Gleichen und verfolgt verwundert und ergriffen, wie sich alles nach deren ersten Treffen den Fortgang der Geschehnisse. Als einer der Beiden sich schließlich dazu entscheidet, mit der Freundin des Lehrers, dessen Beziehung sich gerade erst zu festigen schien, schlafen will, zieht die verhaltene Spannung des Romans deutlich an und nimmt einen bis zum unerwarteten Ende mit.
Dem Autor ist wieder ein besonderes Werk gelungen, das konzentriertes Lesen nötigt, in seiner ungewöhnlichen Schreibart bedächtig wirkt und an den Grundhaltungen zur eigenen Persönlichkeit rührt. Ein lesens- und nachdenkenswertes Buch.